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Ein Schmerz und eine Kehle – Interview mit Jennifer Rostock

Von Gastautorin Larissa | Am 4. November 2013
Kategorien: Featured, kulturelle, Musik | Mit 1 Kommentar

Solidarität mit der russischen LGBT-Community

Die Band Jennifer Rostock, Foto: © Larissa

Die deutschsprachige Rockband Jennifer Rostock zeigt sich mit ihrer aktuellen Single Ein Schmerz und eine Kehle solidarisch mit der LGBT-Community in Russland. Im dazugehörigen Video trägt Leadsängerin Jennifer Weist ein T-Shirt mit entsprechender Aufschrift. Auch Queer-Star Barbie Breakout ist mit von der Partie, ebenso wie viel Ketten und Stacheldraht. Die Wut entlädt sich.

Das Leben wird für die Regenbogengemeinde in Russland immer unerträglicher. Und das nicht erst seit dem kürzlich verabschiedeten Gesetz, das es verbietet, positiv über Homosexuelle im Beisein Minderjähriger zu sprechen. Wie es zu dem „Aufschrei“ der Band kam und was Jennifer Weist, Johannes „Joe“ Walter, Alex Voigt und Christoph Deckert dazu zu sagen haben, durfte phenomenelle Gastautorin Larissa persönlich bei einem Gespräch in Berlin hören.

Mit Jennifer Rostock im Gespräch

Einen wunderschönen guten Abend. Was ist eure Intention hinter dem Video und dem Song Ein Schmerz und eine Kehle?
Joe: In dem Song geht es darum den Leuten, die sich ausgestoßen und nicht akzeptiert fühlen, die Hand zu reichen. Ihnen zu sagen, egal wie du dich gerade fühlst, du bist nicht alleine. Wir sind ein Schmerz und eine Kehle. Es war immer klar, dass wir den Song als erstes rausbringen wollen. Parallel hat uns diese Russlandthematik und was da abgeht in den letzten Jahren sehr aufgewühlt und mitgenommen. Es ist unfassbar, was da passiert. Und so fiel es uns plötzlich wie Schuppen von den Augen, dass es in dem Song genau darum geht. Es war uns wichtig dieses Thema mit ins Video aufzunehmen.
Jennifer: Es geht darum es rauszuschreien, es zu sagen und das ist im Prinzip das, was wir tun können für die ganze Sache. Unser Statement ist: So darf es nicht sein. Wir wollen auch die darauf aufmerksam machen, die nicht wissen, was da gerade passiert. Und dass die Leute, die etwas dagegen tun können, das dann auch tun.

Wie kam es zu dem Song an sich, gab es einen konkreten Anlass?
Joe: Als ich angefangen habe, das Lied zu schreiben, habe ich mir vorgestellt, eine Art Brief zu schreiben an mein Ich vor zwölf Jahren. Das war die Zeit vor meinem Coming Out. Es war nicht die geilste Zeit. Die Chance zu haben, seinem Ich von damals etwas mit auf den Weg zu geben, wäre cool.

Und wie kam es zu dem Video, woher kam die Idee und was ist der Hintergrund?
Joe: Das Rußlandthema ist nur ein Teil des Videos, es ist universeller. Es geht auch um Einzelschicksale. Daher ist es wichtig, dass verschiedene Menschen und Bilder das Video durchfluten. Barbie Breakout hat einen Chameo Auftritt. Es gibt von ihr ja das Video, in dem sie sich im Keller den Mund zunäht aus Protest.
Jennifer: Mit einer ganz normalen Nähnadel.
Christoph: Das war schon sehr krass.
Jennifer: Das muss man erst mal bringen. Wir dachten, es wäre cool, wenn sie dabei ist. Sie wollte mitmachen, wenn sie ein schönes Kleid bekommt. Sie hat auch den Schriftzug „Rage against the Putin“ beigesteuert. Es hat klasse gepasst und wir fanden super, dass sie dabei war.
Christoph: Markus Sternberg ist Produzent des Videos und nach seiner Aussage der einzige offen schwule dazu. Er war sehr bewegt, dass wir uns des Themas angenommen haben. Er half uns dann die Message im Video umzusetzen.

Die Szene reagiert sehr positiv

Russland ist also nur ein Teil eurer Aussage. Es gibt ja auch noch andere Länder, in denen Homosexualität nicht toleriert oder sogar mit der Todesstrafe geahndet wird. Vor kurzem seid ihr beim Kiss-In in Berlin dabei gewesen. Sind noch weitere Aktionen geplant und wie geht es weiter?
Christoph: Wir stehen zu den Themen, die wir uns ausgesucht haben. Wir haben eine Meinung und wollen die auch kundtun. Momentan haben wir erst einmal nichts vor, sind aber offen.
Joe: Wir werden sehen, wie die Entwicklung in Russland weitergeht und ob es wieder Aktionen in Deutschland gibt. Dann werden wir sehen, wie wir aktiv werden können.

Wie sind die bisherigen Reaktionen?
Jennifer: Ich hatte mir die Reaktionen stärker vorgestellt. Noch mehr Überraschung oder Schockiertheit zu dem was in Russland passiert.
Christoph: Man spricht häufig mit solchen Themen Menschen an, die schon im Thema drin sind.
Jennifer: Die Reichweite fehlt irgendwie.
Christoph: Die Szene reagiert sehr positiv. Diejenigen, die noch nie etwas davon gehört haben, müssen scheinbar noch stärker vor den Kopf gestoßen werden.
Joe: Die Kommentare bei YouTube beispielsweise zeigen, wie polarisierend das sein kann. Schön ist die Interaktion zwischen den Nutzern. Wenn z. B. gar nicht klar ist, um was es geht, erklärt es ein anderer. Es wird auf jeden Fall diskutiert und darüber gesprochen. Das Thema wird zum Thema, das ist schön.
Jennifer: Viele bleiben jedoch bei „Jennifer Rostock finde ich scheiße“. Da bleibt das Thema auf der Strecke. Das habe ich etwas vermisst. Es ging nur darum, ob der Song gut ist oder nicht. Nicht um das, worum es wirklich geht. Das hätte ich mir noch mehr gewünscht. Aber egal was man macht, irgendjemand findet es immer scheiße oder kommt mit dem Argument, es gibt Wichtigeres.

Man kann sich entscheiden, ein Arschloch zu sein

Die Band Jennifer Rostock, Foto: @ LarissaWie definiert ihr Toleranz?
Jennifer: Leben und leben lassen.
Christoph: Nicht ganz, oder? Die totale Toleranz funktioniert nicht, oder?
Jennifer: Nee, aber was Lebensformen angeht…
Joe: Man muss unterscheiden zwischen dem, was Menschen sind, was sie tun, was sie denken und was sie sagen. Es ist paradox, wenn Menschen mit rechter Gesinnung mit Meinungsfreiheit und Toleranz argumentieren. Das ist Quatsch. Es ist ein großer Unterschied, ob man Schwule tolerieren soll oder Nazis. Schwule sind schwul und Nazis sind Arschlöcher. Man kann sich entscheiden, ob man ein Arschloch ist.
Jennifer: Ob du schwul bist, kannst du nicht entscheiden.
Joe: Die Grenze verschwimmt sehr schnell, deshalb ist Toleranz ein schwieriger Begriff.

Wo hört die bei euch auf?
Joe: Bei Arschlöchern.

Das wurde ja auch bei der „kleinen“ Kontroverse bzgl. den Böhsen Onkelz ziemlich deutlich. Gibt es noch etwas, wo bei euch die Toleranz aufhört?
Jennifer: Ich finde ethisch, religiös, sexuell, da kann jeder machen, was er will.
Joe: Toleranz fängt immer da an, wo Leute intolerant werden. Sobald Leute engstirnig oder so extrem konservativ und unvernünftig auf irgendwelchen Traditionen beharren…
Alex: Auch wenn es um Religionen und Religionsfreiheit geht. Religion ist auch eine Wahl und man wird nicht rein geboren…
Joe: Aber nicht ganz. Wenn man z. B. in einer sehr religiösen Familie aufwächst und erzogen wurde, dann ist es ein großer Schritt, sich dem zu entziehen.
Jennifer: Man sagt ja nicht mit sechs: Daran glaube ich jetzt aber nicht.
Alex: Da stehst du eventuell mit nichts da, wenn du dich der Religion und damit der Familie entziehst.
Jennifer: Bei einem Bekannten von uns war das so. Er war Zeuge Jehovas. Die ganze Familie hat mit ihm gebrochen. Keiner redet mehr mit ihm.
Alex: Schwierig auf jeden Fall. Toleranz ist nicht so einfach zu definieren.

Die Leser_innen interessiert natürlich, ihr müsst nicht antworten; Joe ist schwul, und der Rest?
Jennifer: Sonst alle straight.

Schlaflos kommt das neue Album

Am 17. Januar 2014 kommt euer 4. Studioalbum Schlaflos raus. Wie würdet ihr das Album beschreiben?
Joe: Wir sind sehr happy mit dem Album und können es gar nicht erwarten, es rauszubringen. Es ist genau so, wie es sein muss und wir es haben wollen.
Jennifer: Das ist ja Gott sei Dank immer so. Wir machen das Album in erster Linie für uns. Uns muss es gefallen. Und dann gucken wir, dass es unseren Fans gefällt. Wir müssen mit jeder Sekunde zufrieden sein. Sobald einer sagt, hier sitzt die Snare nicht richtig, muss das geändert werden.
Joe: Diesmal durften wir auch vom Label aus ganz frei sein mit der Ansage: Macht genau das, was ihr machen wollt. Hätten wir wahrscheinlich eh, aber das war eine gute Voraussetzung. Und das hört man dem Album auch an. Wir hatten uns vor den Aufnahmen zurückgezogen, um für uns rauszukriegen, wie das Album und die Songs klingen sollen. Dass wir fünf uns einig werden, bevor wir anfangen, war ein wichtiger Teil.

Und wie klingt ihr?
Jennifer: Gut. Wir haben auch viel ausprobiert, was die Range und den Sound angeht. Was man noch sagen kann, ist dass wir kein richtiges Konzept hatten, doch diesmal haben viele Songs mit dem Oberthema „schlaflos“ zu tun. Nachts nicht schlafen können, weil die Gedanken kreisen. Nicht schlafen wollen, z.B. beim Weggehen. Auch die Ambivalenz dazwischen. Es gibt eben nicht nur negative, sondern oft auch positive Schlaflosigkeit. Das spiegelt auch das Cover wieder.

Was hält euch denn wach?
Jennifer: Gedanken. Kommt drauf an. Christoph und Joe sind unsere Problemkinder, was das Schlafen angeht. Die zwei schlafen ziemlich schlecht im Tourbus und sonst so.
Joe:  Oft ist es das Gedankenkarussell.
Jennifer: Deshalb schlafe ich beim Fernsehen ein. Oder ein Buch lesen, das geht auch.
Joe: Mein neuer Trick: IMMER mit dem Wecker aufstehen, niemals ohne Wecker aufstehen.
Jennifer: Wann stehst du denn dann auf?
Joe: Um elf.
Jennifer: Elf ist gut. Da bin ich schon wach, da brauche ich keinen Wecker mehr.

Anfang nächsten Jahres geht ihr wieder auf Tour. Steht vorher noch was an und was dürfen wir erwarten?
Jennifer: Wir freuen uns auf die Tour. Bei allen Songs haben wir darauf geachtet, dass sie sich live geil anhören. Deswegen freuen wir uns total darauf. Das wird ziemlich abgehen.
Joe: Endlich wieder neue Songs zu spielen.
Christoph: Wir waren noch nie so lange nicht auf Tour.
Jennifer: Wann haben wir das letzte Mal live gespielt?
Joe: Auf richtiger Tour? Die letzte Tour war vor einem Jahr.
Christoph: Das heißt auch ein halbes Jahr kein richtiges Konzert mehr.
Alex: Das hatten wir wirklich noch nie. Die Songs werden stehen wie eine eins.
Jennifer: Das heißt wir fangen wieder eine Woche vorher an zu proben?

Engagement sollte zum Typ passen

Ihr seid vielseitig engagiert. Teils Veganer, teils Vegetarier, „ink not mink“, Aktionen für Obdachlose, LGBT. Woher kommt das, was treibt euch an?
Jennifer: Wir haben das früher einfach viel zu wenig gemacht. Ich weiß nicht woran’s lag.
Joe: Wir waren einfach mit anderen Sachen vielbeschäftigt, nonstop im Tourbus unterwegs. Teilweise sind Sachen einfach so wie sie sind. Unser Schlagzeuger und unser Bassist leben vegan. Das wird dann eben Thema. Bei anderen Sachen wie „ink not mink“ oder „Pfand gehört daneben“ sind wir angefragt worden. Wenn wir denken, das sehen wir auch so, machen wir gerne mit.

Gibt’s noch ein Thema, bei dem ihr denkt, da müsstet ihr was machen?
Jennifer: Es gibt tausend Themen, für die wir gerne was machen würden. Schwerpunkte zu setzen, ist wichtig. Nicht bei allem reingehen und dann irgendwann für den Weltfrieden dastehen.
Joe: Es sollte konkret sein und sich für etwas einsetzen.
Alex: Und zu einem selbst passen. dem eigenen Typ entsprechen, einen im weiteren Sinne betreffen. Man muss sich damit identifizieren können.

Zurück zur Musik: Gibt es in Zukunft öfters Sprechgesang?
Jennifer: Das ist nicht das erste Mal, auch bei Meine bessere Hälfte gab es Sprechgesang.
Joe: Es hieß nicht: „Hey Jennifer, rap‘ doch mal“. Der Song hat das so verlangt. Der Text zeigt viele Emotionen von Flüstern bis Schreien. Es würde nicht passen, wenn alles in eine nette Melodie gepackt und gesungen würde.
Jennifer: Das Album ist wieder facettenreich, genauso wie wir immer waren und wie wir immer sein werden. Wir vereinen viele Genres. Das würfeln wir zusammen und darauf kann man sich freuen.

Ein schönes Schlusswort. Wir sind also gespannt auf das neue Album und ich danke ganz herzlich für das interessante Interview!

Fotos von der Band: @ Larissa

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Ein Kommentar

  1. “Mich ekelt das Ding an” – Nach dem ESC entblößt sich (mal wieder) die hässliche Fratze, homophobe Fratze der wutbürgerlichen Mitte | indub.io12. Mai 2014 um 12:15Antworten

    [...] Homophobie unterstellen. Ein Jury-Mitglied ist eine gute Freundin von mir, die sich mit ihrer Band regelmäßig gegen Homophobie engagiert – ihr hat das Lied einfach nicht so gut gefallen. Und das ist ok. Dass sich Madeline [...]

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