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LSVD-Aktion zu den Winterspielen: Der Sotschi-Freiheitsappell

Einen Monat vor Olympia

LSVD Sotschi-FreiheitsappellIm russischen Sotschi finden vom 7. bis zum 23. Februar die Olympischen Winterspiele 2014 statt. Ein Boykott der Spiele wurde kontrovers diskutiert. Auch die Verlegung war kurzzeitig im Gespräch, denn seit langem steht die russische Regierung um Präsident Putin wegen Missachtung von Menschenrechten beispielweise in Form von Repressalien gegen Oppositionelle oder auch des im Sommer 2013 in Kraft getretenen Gesetzes gegen „homosexuelle Propaganda“ international in der Kritik. Es hat sich aber eine medienwirksamere und vor allem nachhaltigere Demonstration gegen Putins menschenverachtende Politik durchgesetzt: Die Nutzung des medialen Interesses, Proteste und internationaler Druck.

USA senden lesbische Sportlerinnen

Früh gab es Äußerungen u.a. aus den USA und Großbritannien, dass lieber durch die aktive Teilnahme an den Spielen gegen die homosexuellenfeindliche Politik demonstriert werden solle. Obama hatte bereits im Sommer geäußert, dass er anstelle eines Boykotts lieber Medaillengewinne von schwulen und lesbischen US-Sportler sehen wolle. Einen wirklichen Coup hat der US-Präsident allerdings  im Dezember gelandet, als er die lesbische Tennislegende Billie Jean King in die Delegation berufen hat, die zur Eröffnung nach Sotschi reisen wird. Es ist ein klares Signal gegen Homophobie und Diskriminierung. In der US-Olympia-Delegation sind übrigens gleich zwei homosexuelle Sportlerinnen: Billie Jean King, die in den USA als Lesben-Idol gilt, und die aktive Eishockey-Nationalspielerin Caitlin Cahow.  Ranghohe Politiker schicken die USA hingegen nicht. Auch Bundespräsident Gauck und Frankreichs Präsident François Hollande haben angekündigt, nicht zu den Spielen zu reisen. Offiziell wird hier aber nicht von politischem Boykott oder einer Reaktion auf die russische Politik gesprochen. Schade! Das hat sich nur die EU-Kommissarin Viviane Reding getraut. Die Luxemburgerin schrieb auf Twitter:

Ich werde sicher nicht nach Sotschi fahren, solange Minderheiten auf diese Weise von der derzeitigen russischen Regierung behandelt werden.

IOC hält sich mit Stellungnahme zurück

Das Internationale Olympische Komitee IOC hat leider keine klare Stellung pro Menschenrechte bezogen. Vielmehr wurde  bekannt, dass das IOC Proteste oder Demonstrationen in Bezug auf das Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda“ bei den Winterspielen nicht akzeptieren würde, und Athleten gegebenenfalls sogar ausgeschlossen werden könnten. Laut IOC sollen die SportlerInnen so nicht bevormundet, sondern eher geschützt werden. Diese Begründung klingt für viele aber etwas flau. Natürlich sollten SportlerInnen und der Sport an sich nicht politisch instrumentalisiert werden. Aber Proteste und Meinungsäußerungen gegen Menschenrechtsverletzungen dürfen nicht unterbunden werden. Im Gegenteil!

Dass Putin das durch ihn verhängte Demonstrationsverbot während der Spiele in der Olympia-Stadt am 4. Januar aufgehoben und ein Dekret, welches unter strengen (!) Auflagen Protestaktionen ermöglicht, unterzeichnet hat, ist sicherlich mehr positive PR für ihn als ein wirkliches Zugeständnis von Menschenrechten. Dennoch zeigt dieser kleine Schritt, dass internationaler Druck etwas bewegen kann.

LSVD initiiert Sotschi-Freiheitsappell

Fechterin Imke Duplitzer © Norman RembarzSehr begrüßens- und unterstützenswert ist daher der vom LSVD initiierte Sotschi-Freiheitsappell, der die deutsche Delegation auffordert, ihr Recht auf Meinungsfreiheit zu nutzen und sich in Interviews für die Rechte von Homosexuellen einzusetzen. Denn: „In Russland sind wir alle Lesben und Schwule!“ Prominente aus Kunst, Medien und Sport wie beispielsweise Gudrun Landgrebe, Hella von Sinnen, Dr. Theo Zwanziger und Nina Hagen zählen zu den ErstunterzeichnerInnen. Nähere Informationen dazu und die Möglichkeit den Appell zu unterstützen sind im Internet unter www.lsvd-blog.de zu finden. Auch Top-Fechterin Imke Duplitzer, die offen lesbisch lebt, gehörte zu den Ersten, die die Aktion unterstützen:

Als Sportlerin bin ich bei meinen Wettkämpfen in vielen Ländern unterwegs. Ich lerne viele Sportlerinnen und Sportler kennen, die aus Ländern kommen, in denen Minderheiten egal welcher Ausrichtung kaum Annerkennung, Respekt, geschweige denn Schutz gewährt wird. Da ich seit langer Zeit das Outreach-Projekt des Frankfurter Volleyball Vereins unterstütze, beobachte ich die Entwicklung der Lebenssituation von Homosexuellen in Osteuropa und Russland seit geraumer Zeit. SportlerInnen aus Russland haben anlässlich des Turniers im Dezember in Frankfurt von massiven Diskriminierungen und von gewalttätigen Übergriffen berichtet, die seit in Kraft treten des „Homosexuellen-Gesetzes“ stattfinden. Polizei und Gesetz schauen hier tatenlos zu.

Wir können diese Zustände nicht länger unwidersprochen lassen. Kein Mensch darf in dieser Art und Weise in Angst und Schrecken versetzt werden und muss teilweise bestialische Quälereien über sich ergehen lassen. Kein so genanntes Gesetz darf radikalen Kräften eine Pseudolegetimisierung von Gewalt gegen Minderheiten gestatten. Die körperliche Unversehrtheit und Würde jedes Menschen – egal wo auf der Welt – gilt es zu schützen.

Es bleibt zu hoffen, dass die SportlerInnen sportliche, faire und vor allem auch sichere Spiele erleben. Mögen sich aber auch während der Spiele genügend Stimmen gegen das unterdrückende Regime, die menschenverachtenden Gesetze und deren Rückhalt in der russischen Gesellschaft aussprechen, so dass die Spiele einen nachhaltigen positiven Einfluss auf die Lebensbedingungen der LGBTI- Community haben.

Nachtrag vom 8.1.2014: Undine Knappwost veröffentlicht auch in der kommenden Ausgabe der Escape einen Artikel zum Thema.

Foto Imke Duplitzer: © Norman Rembarz

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