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Interview: „Diversity muss von der Führung kommen“

Von Gastautorin Larissa | Am 2. Oktober 2018
Kategorien: Beruf und Karriere, Featured, informelle | Mit 0 Kommentaren

Mentorin, © Dennis Afrax

Fotohinweis: @ Dennis Afraz

MentorMe und die Vielfalt als Karrierefaktor

„MentorMe“ verfolgt ein altbewährtes Prinzip: Unterstützung von jungen Frauen* durch ältere und entsprechende Vernetzung untereinander. Der Erfolg und rege Zulauf zum 2015 gegründeten Mentoringprogramm bestätigt die Notwendigkeit. Warum es solcher Netzwerke bedarf und warum Diversity nicht nur ein Modetrend ist, zeigt auch die 2017 erschienene Studie „Out im Office“. Autorin Larissa war dazu im Gespräch mit der offen lesbisch lebendenden CEO von Weber Shandwick, Christiane Schulz.

Das gemeinnützige Unternehmen „MentorMe“ wurde im Oktober 2015 von Karin Heinzl in Berlin gegründet. Vertreten sind MentorInnen* aus allen Branchen, Unternehmensbereichen und Teilen Deutschlands. Ein jährlicher Zuwachs von 145% bei den Anmeldungen gibt dem Programm recht. Mit Kooperationspartnern gemeinsam bietet es neben dem monatlichen Mentoring rund um Job- und Karrierethemen auch unterschiedliche Fortbildungen, Diskussionsrunden und Networkingmöglichkeiten. Eine der vielen Mentorinnen* ist Christiane Schulz, derzeit CEO einer der größten PR-Agenturen Deutschlands. Sie lebt offen lesbisch, auch im Job. Dass dies nicht immer selbstverständlich möglich ist, zeigen die vielen Diversity Bemühungen und vor allem die Studie „Out im Office“ von 2017. Die Ergebnisse zeigen zwar, dass die Atmosphäre am Arbeitsplatz generell offener als in vergangenen Jahren geworden ist, doch rund 2/3 der Befragten spricht im Unternehmen nicht darüber, schwul, lesbisch oder bisexuell zu sein. Die Mehrheit schweigt aus Angst vor Diskriminierung in unterschiedlichster Form.

Interview mit Christiane Schulz
CEO von Weber-Shandwick, Mentorin bei MentorMe und offen lesbisch lebend

Wie kamen Sie zu MentorMe?

Über eine Einladung als Sprecherin zu einem der Themenabende lernte ich MentorMe kennen. Nachdem ich dabei und begeistert war, wollte ich mich noch weiter engagieren und so kam es, dass ich Mentorin und Weber-Shandwick Kooperartionspartner wurde.

Wieso sind Sie Teil von MentorMe?

Christine Schulz, © Weber Shandwick

Christiane Schulz, © Weber Shandwick

Ich hatte immer Glück beruflich und für mich stand es nie in Frage, ob oder dass Frauen Führungspositionen übernehmen können. Aber vor ein paar Jahren habe ich eher zufällig „Lean In“ von Sheryl Sandberg (Geschäftsführerin von Facebook, Anm. d. Redaktion) gelesen. Es hat mir schon die Augen geöffnet, dass meine Erlebnisse nicht unbedingt selbstverständlich sind und dass wir doch sehr gesellschaftlich geprägt sind. Das Buch hat mich dazu veranlasst zu sagen, man muss noch mehr machen. Das habe ich zuerst firmenintern begonnen und dann extern als Partnerfirma von MentorMe.

Was denken Sie, können solche Netzwerke und Mentoringprogramme leisten?

Ich glaube, es hilft Frauen zusammenzubringen und Ihnen zu helfen, ihre Fragen zu beantworten. Und insbesondere bei den physischen Meetings merkt man dann deutlich, was für eine Energie dabei entsteht. Ich empfinde das als sehr motivierend und förderlich. Diese Energie hilft dann auch, Sachen auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln, sich selbst weiterzuentwickeln.

Sexuelle Orientierung und Karriere

Eines der Themen, die bei der Karriere reinspielen, ist das Thema sexuelle Orientierung. Ist doch die Bürowelt meist heteronormativ ausgelegt. Wie gehen Sie damit um? 

Ich habe eigentlich nur positive Erfahrungen gemacht. Es ist kein Geheimnis. Meine Frau nimmt an Unternehmensevents teil, auch mit Kunden. Es liegt aber auch an der Branche, denke ich, es gehört dazu. Es wird nicht groß hinterfragt.

Sie sind natürlich auch Geschäftsführerin, da ist es sicherlich einfacher. Die „Out of Office“ Studie 2017 zeigt klar, dass das Coming-out und die Beziehung zum Thema am Arbeitsplatz stark abhängig sind von der Position im Unternehmen. Waren Sie denn immer schon „out“?

Ja. Ehrlich gesagt weiß ich aber von Anderen, dass das ganz anders sein kann. Da wurde ein schwuler Mann immer nur mit PartnerIN eingeladen. Ich selbst habe es immer offen kommuniziert, auch wenn ich es nicht auf der Stirn kleben habe. Ich denke das ist für die PR- und Werbebranche typisch und stärker als in anderen Unternehmen. In Ländern, in denen Homosexualität bspw. nicht so akzeptiert wird, gibt es dafür explizit Communities, die sich zusammenfinden und gegenseitig unterstützen.

Diskrepanz zwischen Diversity-Bemühungen und Realität

Oft gibt es eine Diskrepanz zwischen den „Diversity-Bemühungen“ von Unternehmen und der Realität. Wie sehen Sie das, von Ihrer Position, in Richtung andere Firmen, Kunden oder Branchen, mit denen Sie arbeiten?

(Pause) Ich glaube schon, dass das ein großes Thema ist, und momentan ein Trendthema, wobei ich nicht weiß, wie lange es das schon gibt. Diversity geht ja viel weiter als die LGBTI* Community. Ich finde, in Deutschland ist es in anderen Bereichen tatsächlich eine größere Herausforderung, das umzusetzen. Die Leute zu finden, ist oft viel schwieriger, um Vielfalt darzustellen. Oder beim Thema Inklusion. Das beobachte ich.

Ich frage mich einfach, wie das beispielweise bei den Firmen und Konzernen ist, die Wagen auf dem CSD haben, Anzeigen schalten und Kampagnen dazu fahren. Und laut Studie trauen sich dann 62% der Angestellten nicht, darüber zu sprechen. Was kann man da jungen Frauen* raten die lesbisch sind, in Bezug auf Job und Berufsstart?

Ich würde immer raten, authentisch zu sein. Und darauf zu achten, dass es gut passt. Auch bei der Berufswahl. Wo fühle ich mich wohl. Ich persönlich könnte nicht bei einem Arbeitgeber arbeiten, bei dem ich das Gefühl habe, ich müsste mich als Mensch irgendwie verstecken. Aber das ist natürlich leicht gesagt. Wenn die große Leidenschaft (lacht) die Stahlindustrie ist, dann weiß ich nicht. Ich glaube, man kann sich immer toll weiterentwickeln mit allem, was einem Freude macht.

Was denken Sie denn können Firmen noch tun für echte Diversity und nicht nur im Rahmen einer Printkampagne?

Gute Frage. Ich frage mich das auch immer wieder. Ich denke, wenn ein Unternehmen es ernst meint und für Vielfalt stehen will, dann führt kein Weg daran vorbei, die Führung muss sich aktiv beteiligen. Sie müssen zeigen, das ist wichtig, gewollt und willkommen. Und die Leute dort fragen, wieso sie es als Diskrepanz zwischen Innen und Außen des Unternehmens wahrnehmen. Beim Beispiel von vorhin eben dann zu schreiben „Wir laden Sie und Ihre*n Partner*in ein“, statt „Sie und Ihre Partnerin“ bei einem Mann. Das ging in diesem Fall auch noch weiter, beispielsweise Versicherungsthemen. In der Theorie wäre die Betriebsversicherung im Falle des Todes vererbbar, aber es wird eben dann sehr schwer, wenn man nicht in einer heterosexuellen Beziehung lebt. Da das von der Führung vorgelebt und mitgelebt wird, kann man sich fragen, wo spiegelt sich das überall im Unternehmen wieder. Da ist es aus meiner Sicht nicht entscheidend, ob man beim CSD mit vor Ort ist.

Mentoring als langfristige Hilfe zu Veränderung

Braucht es Ihrer Meinung nach auch im Mentoring ein spezielles Augenmerk oder vielleicht eine Gruppe dafür?

Ich denke das ist eine Frage von Angebot und Nachfrage. Zu bestimmten Themen und Fragestellungen kann ich mir gut vorstellen, sich spezifisch dazu auszutauschen. Bei MentorMe wäre sowas sicherlich möglich, wenn es gewünscht wird. Ich kann es jedem Unternehmen nur empfehlen, teilzunehmen. Jeder jungen Frau, sich das mal anzuschauen. Es ist ein tolles Programm, das gute Impulse durch Gespräche und Austausch gibt. Das bringt ganz viel, auch wenn nicht immer gleich unmittelbar und sofort. Dafür wirkt es langfristig. Es ist eine gute Sache, dass es das gibt und ich freue mich schon auf die nächsten Treffen!

Das ist doch ein schönes Schlusswort. Ich danke sehr für Ihre Zeit und das Interview!

Ich danke auch!

Das Programm 2018/19 beginnt am 25. November 2018 und endet im Oktober 2019. Information und Registrierung als MentorIn oder Mentee möglich unter https://mentorme-ngo.org/

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