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phenomenelle des Tages: Barbara Grier

Barbara Grier (4.11.1933–10.11.2011)

Ihre Liebe gehört den Büchern, vor allem denen mit lesbischem Inhalt. Mit 16 Jahren beginnt sie ihre Sammlung lesbischer Bücher mit Radclyffe Halls The Well of Loneliness. Grier selbst sagt später, dass ihre Mutter ihr das Buch gegeben habe. Generationen von lesbischen Autorinnen gibt sie ab 1973 die Chance zu veröffentlichen. Gemeinsam mit Lebensgefährtin Donna McBride, zwei anderen Lesben und etwa 3.000 US-Dollar Startkapital gründet sie den Verlag Naiad Books, später Naiad Press.

In Ohio geboren, verbringt Grier ihre Kindheitstage an verschiedenen Orten. Die Familie zieht häufiger um. Mit 12 Jahren spürt Grier, dass sie irgendwie anders ist als die anderen Kinder. Zur weiteren Recherche geht sie in die örtliche Bibliothek und fragt höflich nach Büchern über Homosexuelle. Mit den Erkenntnissen daraus gewappnet strebt sie nach Hause, um ihrer Mutter die Botschaft zu verkünden, sie sei homosexuell. Die reagiert laut Grier offen und ziemlich cool:

Da ich eine Frau sei, wäre ich nicht homosexuell sondern lesbisch. Sie sagte außerdem, mit 12 Jahren sei ich noch ein wenig zu jung, diese Entscheidung zu treffen. Wir sollten sechs Monate warten, bevor wir es den Zeitungen erzählen.
(Quelle: lambdaliterary.org)

Von The Ladder zu Naiad Press

1956 gründet sich das erste Lesbenmagazin der USA, The Ladder, herausgegeben von der Lesbenorganisation Daughters of Bilitis. Grier schreibt unter Pseudonym 12 Jahre lang für das Blatt, dass über eine Adressliste in braunem Umschlag versandt wird. 1968 übernimmt sie den Posten der Chefredakteurin, macht das Blatt feministischer, erweitert seinen Umfang und seine Leserinnenschar. Das führt zu Kämpfen zwischen ihr und den Gründerinnen, dazu kommen finanzielle Probleme. 1972 erscheint die letzte Ausgabe. Grier nimmt die 3.800 Abonnentinnen umfassende Adressliste mit. Die hilft ein Jahr später dabei, Naiad Books zu gründen. Da es keine Buchläden gibt, die lesbische Bücher vertreiben würden, versenden sie und ihre Mitstreiterinnen die bestellten Bücher anfangs per Post.

Von lesbischen Heldinnen und ihren Autorinnen

Detektivinnen Kate Delafield, Carol Ashton und Caitlin Reece, Autorinnen wie Katherine V. Forrest, Claire McNab und Karin Kallmaker verdanken Grier und Naiad Press ihren Erfolg. Auch Pulp Fictions Novels wie die von Ann Bennon graben die Macherinnen aus, Renée Vivien und Gertrude Stein werden wieder veröffentlicht. Leidenschaftlich stürzt Grier sich 30 Jahre in das Abenteuer, lesbische Bücher herauszugeben. Nicht selten wird sie angefeindet, weil viele davon Romanzen sind. Doch Grier will Bücher für Frauen der Mittelklasse veröffentlich, die ihr lesbisches Leben vielleicht im Verborgenen leben und etwas darüber und über ihre Interessen lesen wollen:

über Lesben, die Lesben lieben, in denen das Mädchen nicht nur durch eine Phase geht.
(Quelle: New York Times)

Dennoch wird das heiß diskutierteste Buch ein dokumentarisches. 1985 kommt Lesbian Nuns: Breaking Silence heraus und entfacht eine Kontroverse. Die Katholische Kirche kritisiert die Beschreibung lesbischen Lebens unter Nonnen scharf, in Boston wird das Buch sogar verboten. Nach 30 Jahren wird 2003 das Kapitel Herausgeberin geschlossen. Grier und McBride gehen in Ruhestand und verkaufen Naiad Press an Bella Books. Acht Jahre später stirbt Grier 78-jährig an Lungenkrebs.

Fotocredit: Barbara Grier (November 4, 1933 – November 10, 2011), American writer. Photograph by Robert Giard, 1989. Fair use. Quelle http://brbl-dl.library.yale.edu/vufind/Record/3541885?image_id=1123945

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