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SÜT Köln

Filmkritik: Bye Bye Blondie

Von Gastautorin Ingeborg Boxhammer | Am 14. September 2012
Kategorien: Film, kulturelle | Mit 0 Kommentaren

Szenenbild Bye Bye Blondie Dalle und Béart

Mehr Sein als Schein

Virginie Despentes hat nach ihrem Skandalwerk „Fick mich!“ (1994), einem ungeschönten Film über Vergewaltigung, Mord und Sex, ein vergleichsweise zahmes Drama über die Kraft der Liebe gedreht.

In hohem Bogen landen ihre Klamotten im Innenhof eines Mietshauses: Gloria, eine arbeits- und nun auch wohnungslose Sozialhilfeempfängerin mittleren Alters, zieht notgedrungen zu einer Freundin – wie sie es offenbar in der Vergangenheit schon mehrmals getan hat. Ihr gegenübergestellt wird die erfolgreiche Fernsehmoderatorin Frances. Wohlhabend und mit einem bekannten Schriftsteller verheiratet besitzt sie alles, was heutzutage zu einem erstrebenswerten Dasein zu gehören scheint.

Szenenbild Bye Bye Blondie Ponsot und SoKoKaum vorstellbar, dass Gloria und Frances sich in ihrer Jugend kannten, sogar ein Liebespaar waren. Rückblenden zeigen Gloria als renitente Punkerin, deren Freiheitsdrang von ihren Eltern radikal unterbunden wurde: Sie steckten die junge Rebellin in eine psychiatrische Klinik, wo sie der zielstrebigen Frances auffiel, die wegen eines Drogen-Blackouts unter Beobachtung stand. Die beiden jungen Frauen waren fasziniert voneinander und wurden ein Paar. Aber „draußen“ ließ sich diese Beziehung nicht halten, und Gloria zog weiter mit den Punks um die Häuser, während Frances nach der Karriere strebte, die ihre Eltern für sie vorgesehen hatten.

Plötzlich, etwa 20 Jahre später, taucht Frances wieder in ihrer alten Heimat auf und nimmt die skeptische Gloria mit nach Paris, wo sie mit ihrem Mann Claude und dessen Geliebten lebt. Erneut prallen zwei Welten aufeinander: Der schwule Claude und die lesbische Frances täuschen für die Medien eine heterosexuelle Ehe vor und bedienen den entsprechenden Normenkatalog, für den Gloria sich nicht die Bohne interessiert. Auch die finanzielle Kluft zwischen ihnen ist ihr nicht geheuer: „Du hast einen Chauffeur?! Ich hab nicht mal `ne Kreditkarte!“ Gloria lässt sich nicht vom dargebotenen Luxusleben verführen, ganz im Gegenteil gerät durch ihr kompromissloses Verhalten das Konstrukt der beiden VIPs aus dem Gleichgewicht. Gefährdet Gloria Frances‘ Karriere? Gibt es für die beiden eine gemeinsame Zukunft? Oder werden sie sich diesmal für immer trennen?

Virginie Despentes fokussiert in ihrem zweiten Spielfilm zwei umwerfende und willensstarke Frauen, die trotz Anpassungsdruck nicht in eine Opferrolle fallen, sondern sich immer wieder behaupten, zur Not unter Einsatz von Gewalt. Für dieses Szenario hat Despentes einige der interessantesten französischen Schauspielerinnen verpflichtet: Béatrice Dalle, die eigene Erfahrungen als Punkerin sammelte, verkörpert die aufmüpfige Gloria der Gegenwart, während die Punkrockerin SoKo sie in jungen Jahren mimt. Die vielseitige Emmanuelle Béart spielt die blonde Karrieristin Frances, ihr junges Pendant gibt die hierzulande noch unbekannte Jungschauspielerin Clara Ponsot. Der Film bezieht seine Spannung in großen Teilen aus dem unkonventionellen Spiel dieser Darstellerinnen, deren Verhalten unberechenbar scheint und in keine Schublade passt. Es geht einher mit geballter Frauenpower, und allein die ist schon sehenswert.

Bye Bye Blondie
Frankreich 2012, Regie, Buch: Virginie Despentes
mit Emmanuelle Béart, Béatrice Dalle, SoKo, Clara Ponsot, Pascal Greggory

Wo ist der Film zu sehen?
Der Film läuft im Rahmen des Filmfests homochrom
am 12.10.2012 um 12:00 Uhr, Ort: Köln, Filmforum NRW
am 28.10.2012 um 14:00 Uhr, Ort: Dortmund, Schauburg

und im Rahmen der 23. Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg
vom 16.-21.10.2012, wann genau, wird Ende September bekanntgegeben

Filmtrailer mit englischen Untertiteln

über Ingeborg Boxhammer
Die Autorin Ingeborg Boxhammer lebt seit ihrem Studium in Bonn. Sie ist eine Filmexpertin und verfasste mit ihrem Buch “Das Begehren im Blick” eines der umfassendsten Werke über die Lesbenfilmgeschichte. Mit ihrer Homepage www.lesbengeschichte.de leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Sichtbarkeit von Lesben gerade in früheren Jahren.

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