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Sind Lesben medial unterrepräsentiert?

Von Gastautor Tino Henn | Am 1. Juli 2012
Kategorien: Gay Guy, querelle | Mit 6 Kommentaren
Porträt Tino Henn vor Regenbogenfahne

Auf dem Berliner CSD habe ich es vor Kurzem wieder um die Ohren gehauen bekommen:  Lesben sind medial unterrepräsentiert und werden auch und gerade von uns Schwulen sträflich vernachlässigt. Meine Antwort darauf war immer die gleiche: Ach wirklich? Bist du dir da ganz sicher? Dann entspannen sich fröhliche Diskussionen, bei denen ich Frauen dabei zusehen konnte, wie ihnen langsam aber sicher die Argumente ausgingen. Zum Schluss kauften sie mir Bier und sahen mich entgeistert aber auch etwas bemitleidend an. Denn wenn man (und frau) sich die Sache mal ganz und gar ohne Rücksicht auf die Egos der Betroffenen und althergebrachte Vorurteilen betrachtet, ist es so: Das Verhältnis zwischen Lesben und Schwulen in den Medien ist 2012 eines zwischen Macherinnen und Gemachten.
Während es vor Lesben in publikumswirksamen, journalistischen Powerpositionen nur so wimmelt, müssen Schwule immer noch und immer wieder als Klassenclown am Katzentisch der Unterhaltung Platz nehmen.

Glaubt ihr nicht? Die Beweislage für meine Behauptung ist erdrückend: Wer Anne Will, Alice Schwarzer, Bettina Böttinger und Dunja Halali sind, werde ich in Deutschland niemandem mehr erklären müssen: offen lesbische Spitzenjournalistinnen mit Millionenpublikum. Das sind auch die Publizistinnen Ines Pohl und Klaudia Wick. Die eine ist die aktuelle Chefredakteurin der Taz, die andere war es mal, da hieß sie noch Brunst. Danach saß Wick mehrere Jahre der Jury des deutschen Fernsehpreises vor. Heute ist sie eine der einflussreichsten Medienjournalistinnen des Landes. Vera IntVeen habe ich da noch nicht mitgezählt, obwohl auch sie von vielen für eine Journalistin gehalten wird. Die schwulen Pendants dieser Frauen heißen…? Ja,…wie eigentlich? Hape Kerkeling? Ist vieles, Journalist ist er nicht. Thomas Hermanns? Hat, glaube ich, gerade einen Krimi publiziert, was ihn noch nicht zum Publizisten macht. Jan Feddersen von der Taz? Die Berichterstattung über den ESC war dieses Jahr politisch unterfüttert, an Herrn Feddersen lag das aber nicht.

Fakt ist: In der öffentlichen Wahrnehmung klebt uns Schwulen immer ein bisschen zuviel Glitter auf der Stirn, als das man uns in Politikredaktionen ernst nehmen würde. Das geht Lesben nicht so: von der toughen, sportlichen Babybutch zum Image der Journalistin die härter nachfragt als ihre KollegInnen, hat frau es nicht weit. Ist beides homophob? Klar! Ich würde trotzdem sofort tauschen wollen.

Auch jedes Mal, wenn ich in einem Zeitschriftenkiosk stehe und die l-mag schwesterlich neben der Brigitte und Cosmopolitan zu liegen kommt, während die Männer, die ich herausgebe, und die der l-mag handwerklich in nichts nachsteht, zu den anderen medialen Schmuddelkindern in die Pornoecke gesperrt wird.

Was man dagegen tun kann? Erstmal damit aufhören, ständig darauf zu pochen, wie unterrepräsentiert Lesben in der öffentlichen Wahrnehmung wären. Denn so bequem die Opferrolle in eurem Nacken auch sein mag Mädels: Sie hat da einfach nichts verloren.

Über Tino Henn
Vor knapp einem Jahr übernahm Tino Henn mit zwei Geschäftspartnern die Geschäftsführung des Bruno Gmünder Verlags, in dem u.a. die Männer und der Spartacus erscheinen. Seit 2008 ist er ehrenamtlich als Vorstand in der Deutschen Aidshilfe aktiv und war das bis 2011 auch in der Aidshilfe Köln.

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6 Kommentare

  1. jeda1. Juli 2012 um 11:02Antworten

    Du argumentierst schlüssig und überzeugend, nur leider zum falschen Thema. Ja, Lesben sind möglichweise bei den Medienmachern nicht unterrepräsentiert, doch deine Überschrift spricht ja über die Medien generell – und welche Journalisten und Journalistinnen jetzt homosexuell sind, wissen Leser nicht und sind für die in erster Linie ja auch einmal nicht besonders interessant.

    Zur Ausgangsfrage: Sind Lesben in den Medien unterrepräsentiert?
    Meine Meinung: Solange der CSD bei sovielen Medien immer noch als “Schwulenparade” firmiert, dann ja!

  2. Miriam3. Juli 2012 um 09:05Antworten

    Mir gefallen die neuen Einblicke, die ich durch den Artikel erhalte. Mir war immerhin selbst nicht bewusst, wie schwule und lesbische Zeitungen scheinbar in einigen Verkaufsstellen platziert werden und dass es scheinbar mehr lesbische “Medienmacherinnen” gibt als schwule.

    Dennoch möchte ich mich auch dem vorherigen Kommentar anschließen: die Unterscheidung zwischen “Medien-machen” und in den “Medien repräsentiert sein” muss definitiv getroffen werden, denn sie berühren völlig unterschiedliche Aspekte. Das “Medien-machen” oder besser: “in der Medienbranche tätig und bekannt zu sein”, betrifft die im Artikel benannten Journalistinnen, die offen lesbisch leben, aber nicht deshalb unbedingt auch lesbische Themen in ihren Formaten aufgreifen. Denn, das eine kann ich garantieren, täten sie es, oder hätten sie es ausschließlich getan, stünden sie heute nicht da, wo sie eben stehen. Was mich zum zweiten Aspekt, der “Repräsentanz in den Medien” führt. Dieser Aspekt verweist eindeutig darauf, OB und WIE Lesben generell in den Medien dargestellt werden und hier, mit Verlaub, ist eine überdeutliche Diskrepanz, sprich Unterrepräsentanz im Verhältnis zur schwulen Darstellung zu sehen. Auch und gerade zu Zeiten der CSDs.

    Insofern, lieber Autor, diese Ebenen sollten nicht vermischt werden,weil sie inhaltlich ganz unterschiedliche Gestaltungen und Auswirkungen haben. So differenziert sollte man schon hinsehen.
    Vielleicht berücksichtigst du das beim nächsten Mal, wenn du von Lesben auf ein Bier eingeladen wirst und das Thema auf dem Tisch liegt.
    Und, last but not least, stünde dir sicher auch ein bisschen weniger Stutenbissigkeit und grobgedankliche Pauschalisierung, um nicht zu sagen: Stereotypisierung zu Gesicht –> Stichwort “die Opferrolle in den Nacken von uns Mädels”.

  3. Tino3. Juli 2012 um 13:12Antworten

    Ihr Lieben, danke für eure Kommentare und Denkanstöße, es freut mich, dass mein Text zu Diskussionen führt.

    Es gibt verschiedene Auffassungen davon, wie LGBT in den Medien repräsentiert werden sollten. Das eine ist einfache Repräsentanz, also das schlichte Vorhandensein schwuler, lesbischer oder transsexueller Köpfe in den Medien. Hier seid ihr (und dabei bleibe ich) eindeutig im Vorteil.

    Das was ihr anmahnt, auch bei den lesbischen Journalistinnen, sind lesbische Themen. Frage: Was genau soll das sein? Karriere, Kinder, Kings? Ist es nicht möglich, dass Anne Will Themen in ihrer Talkshow behandelt und dabei lesbische Frauen und schwule Männer wirklich immer mitdenkt? Und ist das nicht viel fortschrittlicher als Themen (oft zwanghaft) auf ihren lesbischen Aspekt zu verengen?
    Die Grundlage für schwule, lesbische oder queere Medien ist für mich unser eigener Blickwinkel auf die Welt, von dem aus sich jedes Thema erzählen lässt. Alles andere artet dann in Alice Schwarzerschen Bewegungsjournalismus aus, der oft eher Pamphlet ist, als sich an journalistischen Standards zu orientieren. Die Auflage der „Emma“ befindet sich nicht umsonst seit zwei Jahrzehnten im permanenten Sinkflug: sie ist einfach nicht mehr Zeitgemäß.

    Zum CSD nur soviel: Ich bin da ganz bei Euch. Viele schwule Männer fühlen sich von der „Schwulenparade“-Berichterstattung, die mit der Dragqueen auf Seite Eins einhergeht, auch nicht repräsentiert. Nicht weil wir was gegen unseren schönen Schwestern hätten, sondern weil das eben nicht alles ist, was wir sind, aber oft alles, was die Gesellschaft wahrnimmt. Und den meisten Lesben geht es da wohl ähnlich. Dem wäre einfach abzuhelfen: verbündet Euch. Ruft die Taz-Chefredaktion an und verlangt, weil ihr jetzt Jahrzehntelang unterrepräsentiert worden seid, eine rein lesbische Ausgabe zum CSD in Köln. Das gibt sicher eine interessante Diskussion mit Ines Pohl.

    Zum Thema Stutenbissigkeit: Trommeln gehört zum Handwerk und ein bisschen zu provozieren hat noch keiner Diskussion geschadet.

  4. Vince4. Juli 2012 um 13:22Antworten

    Sorry, wenn ich polemisch werde: Aber dieses Lagerdenken hier geht ja mal gar nicht. “Wir”, “ihr” – Himmel hilf, kann nicht einmal gemeinsam am gleichen Strang gezogen werden?!

    Tino, ich finde, du könntest ruhig ein wenig differenzierter auf die Medienlandschaft schauen: Es geht nicht nur im Medienmacher_innen, sondern vor allem auch um Inhalte – schreibst du ja selbst.

    Ich stimme dir zu: Vielen Schwulen wird etwas viel “Glitter auf die Stirn geklebt”. Aber in Soaps, Serien etc. sind sie ganz selbstverständlich vorhanden – wenn auch teilweise in sehr stereotyper Form, wie du schon schreibst.

    Lesben hingegen kommen m.E. deutlich weniger selbstverständlich vor. Regelmäßig haben “Heteras” mal lesbische Beziehungen oder Erfahrungen – nur um dann doch zur Männerwelt zurückzukehren.
    Die Message finde ich auch nicht so besonders pralle.

    Ich frage mich nur, woher du die scheinbare Gewissheit nimmst, dass “ihr” (also “die” Lesben) “eindeutig im Vorteil” sind? Wo bleiben die Fakten?
    Du nennst ein paar Beispiele – das war’s. Du betrachtest die Spitze des Eisbergs, die wenigen, die es tatsächlich auf die Bildschirme schaffen.

    Was ist mit den “einfachen” Redakteur_innen? Ich kann dir ebensowenig Zahlen liefern. Mein Eindruck bisher: Ich kenne wesentlich mehr schwule Journalisten als lesbische Journalistinnen – vor allem im TV-Bereich.
    Dein subjektiver Eindruck gegen meinen subjektiven Eindruck.

    Meine Antwort zur deinem Artikel ist deine Antwort:

    “Meine Antwort darauf war immer die gleiche: Ach wirklich? Bist du dir da ganz sicher?”

  5. Thommen_624. Juli 2012 um 17:58Antworten

    Betrifft “wir – ihr”. Ich musste vor Jahren auf einen Polizeiposten wegen einer Gewalttat im Stadtpark. Da empfing mich eine nette Polizistin und zeigte viel Verständnis für mein Anliegen. Doch zuletzt kam die nicht unwesentliche Frage: “Was geht Ihr Schwulen denn in den Park? – Ich gehe ja mit meiner Freundin auch in den Schwulen- und Lesbenclub der Stadt!”
    Das soll ein Beispiel dafür sein, dass “homosexuell” noch lange nicht = schwul UND lesbisch sein kann!
    Es ist ganz selten, dass Lesben in den Medien so schlimm dargestellt werden, wie die Schwulen. Meine erste Erinnerung geht auf Vera Brühne (> Wikipedia) 1961 zurück. Und da wusste ich noch nicht mal, dass ich selber schwul bin…
    Ich denke, dass es noch vieler Gespräche braucht – falls das je irgendwen/irgendsie interessiert – um sich gegenseitig über die unterschiedliche Lebens- und Sichtweisen klar zu werden. Aber eben. Schwule wollen heiraten und Lesben Kinder kriegen? heterolike!

    Es behauptet übrigens auch keineR, dass Frauen und Männer unter einen Hut zu bekommen sind, obwohl sie schon – oder eben nicht so – lange einander heiraten können! :p

  6. Christopher oder Christina? « Thommens Senf ab 2010 … 201218. Juli 2012 um 07:59Antworten

    [...] Hein, Tino: Sind Lesben medial unterrepräsentiert? [...]

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