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Komische Zeitreise: Der junge König, Band 1

Buchcover Der Junge KoenigDer Comicautor Ralf König ist für nicht wenige Schwule einer der ersten Kontakte mit schwulen Lebenswelten gewesen. Er hat auch viele Heteros begeistert, wie etwas bei der Verfilmung von „Der bewegte Mann“ mit Til Schweiger und selbst mancher Lesbe ein Lächeln abgerungen.

Einem frühen Foto des Meisters folgt ein Vorwort von ihm selbst, in dem er sich dazu bekennt, dass er nicht auf alle Produkte seiner frühen Schaffensphase stolz ist und ein bisschen dazu gedrängt werden musste, diesen ersten Band seiner Comics im Männerschwarm Verlag erscheinen zu lassen. Die großformatige Veröffentlichung umfasst die Schwulcomix 1 und 2 und einige Zugaben aus den frühen 80ern und einen schon erstaunlich schwulen Comic „Detlev“ aus dem Jahr 1975, als Ralf König, der damals im westfälischen Westönnen lebte, mit 15 Jahren noch keine Vorstellung von schwulen Lebenswelten hatte. Aber auch später hat er gelegentlich Stätten schwuler Subkultur, wie es damals hieß, gezeichnet, die er noch gar nicht von innen kannte, das aber erstaunlich treffsicher.

Seine persönliche Befreiung war die Teilnahme am Festival Homolulu in Frankfurt 1980, wo er nicht nur erste sexuelle Erfahrungen machte, davon aber gleich reichlich, sondern auch politisiert, mit Tunten konfrontiert und mit neuer Lebensfreude und kämpferischer Energie aufgeladen wurde. Nach eigenen Worten kam er „umgestülpt“ zurück und veröffentlichte alsbald die ersten Comics im Nürnberger Schwulenmagazin Fliederlich – und auch der erste Comic im Rosa Winkel Verlag Berlin, eben Schwulcomix 1, ließ nicht lange auf sich warten.

Die berühmten Knollennasen kamen aber erst bei den Schwulcomix 2 dazu. Hier tauchen auch die später weiterhin prägenden Momentaufnahmen schwuler Beziehungen auf, die seine schwulen Lesern ebenso amüsieren wie manchmal – treffsicher erwischt – auch zusammenzucken lassen. Früh hat er die Methode der leichten Überzeichnung – dafür sind Comics besonders dankbar – veredelt, aber manchmal wird’s darüber hinaus auch angenehm absurd, etwa wenn die Mutter den Sohn in der Schwulensauna heimsucht, um ihm vorzuwerfen, dass er wieder mal den Muttertag vergessen hat. Damals kauften die Tunten noch bei Horten und Quelle ein, schon das verdeutlicht den ungeheuren Zeitsprung der letzten 30 Jahre – und doch sind die Comics heute noch überraschend aktuell.

1983 schrieb er den ersten und vorerst letzten Comic über Aids, noch etwas unbeschwert – danach traute er sich erst 1992 wieder an dieses Thema heran und hatte inzwischen für sich erkannt, dass Comics nicht immer lustig sein müssen. Herrlich (selbst)ironisch ist die Schilderung der Diskussionen und Machtkämpfe innerhalb der Homopartei Deutschland (HPD) zwischen dem Tuntenflügel, dem Lederflügel und dem alternativen Flügel.

Der nächste Band ist für 2015 geplant. Die komplette Werkausgabe wird also einige Zeit dauern, verspricht aber immer wieder schöne Momente der Erinnerung und Wiederentdeckung.

Ansgar Drücker

Der Junge König. Band 1: Die frühen Comix 1980-1984
Männerschwarm Verlag 2014 

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