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SÜT Köln

Goodbye AfterEllen!

Von Daniela Zysk | Am 21. September 2016
Kategorien: informelle, kulturelle | Mit 6 Kommentaren

Afterellen

Ein Leuchtturm lesbischer Sichtbarkeit

Heute Morgen schoss beim Aufstehen wie immer mein typischer erster Blick aufs Handy und – kawumm – mir erst mal Pipi in die Augen. Nein, nicht wegen #Brangelina sondern weil mir ein Newsletter von Tello Films mitteilte, afterellen.com wird ab Freitag Geschichte sein.

Hier der vollständige Text dazu: http://trish-bendix.tumblr.com

Wichtige Anlaufstelle

AfterEllen war seit der Entstehung 2002 der Leuchtturm lesbisch-queerer Sichtbarkeit in der Popkultur und hat seitdem viel verändert und beeinflusst. Gegründet von Sarah Warn hat sich die Online-Seite in den Anfangstagen des Web 2.0 schnell zu der wichtigsten Anlaufstelle für Lesben entwickelt. Wenn man sich die verschiedenen Kommentare im Web nun ansieht, war die Seite eine große Unterstützung für das Coming-out zahlloser Frauen überall auf dieser Welt.

AfterEllen (AE) wurde einige Jahre nach der Gründung vom MTV Konzern Viacom übernommen (die Gerüchte über eine Millionenzahlung halte ich bis heute für nicht Wahr). Die Seite wurde professionalisiert, einschließlich Honorarzahlungen an die Autorinnen. Sarah Warn verließ AE. An ihre Stelle als Chefredakteurin trat Karmen Kregloe, die schon seit Gründerzeiten an der Seite von Warn stand. Vor zwei Jahren ging die Seite in den Besitz von Evolve Media und die Stelle der Chefedakteurin an Trish Bendix über. Laut Bendix gab der Konzern ihr und dem Team von AE zwei Jahre Zeit um profitabel zu arbeiten. Seit heute Nacht wissen wir, dass dies nicht gelang – auf alle Fälle nicht so profitabel wie bei den Themen „Moms“ und „Fashion“.

Treffpunkt für Fans der Popkultur

Nein, AE hatte sicher nicht den gesellschaftlich wichtigen Tiefgang wie ein Buch von Judith Butler. Aber, für unzählige Frauen war und ist die Sichtbarkeit von lesbischen-queeren Frauen in Filmen und Serien ein emotional sehr wichtiges Thema. Wo wären wir heute ohne die Vernetzung von Frauen durch Serien wie Xena, Buffy oder später „Hand aufs Herz“. Sei es über Fanfiction oder über YouTube Videos.

Ja, ich bin eine lesbische Aktivistin UND ein Fangirl.

Ich war eine #Sandynista (Sandy Lopez und Kerry Weaver aus der Serie Emergency Room), ich war #MacaYEsther (Maca und Esther aus der Serie „Hospital Central“). Ich war auch #Towanda (Grüne Tomaten), #Nina&Erika (Verbotene Liebe), #D.E.B.S. und #Otalia (Guiding Light).
Ich war aber auch Vorstandsfrau diverser großer LGBTIQ*-Organisationen.
Das eine wäre ohne das andere nicht möglich gewesen.

Auch wenn ich schon Mitte 20 war, als AfterEllen überhaupt das Licht der Welt erblickte und schon diverse lesbische Projekte hinter mich gebracht hatte, kann ich den Verlust nachvollziehen, den viele jüngere Lesben verspüren, wenn es am Freitag heißt: Goodbye, afterellen.

Nachfolgerinnen fehlt die Reichweite

Ja, es gibt zum Glück noch viele unabhängige Popkultur-Blogs und Seiten wie Autostraddle, Weird-Bieleld.de oder Rosalie und Co, dennoch haben sie (noch) nicht die Reichweite von AE. Als Co-Chefin von phenomenelle.de weiß ich wie schwer es ist ohne finanzielle Mittel eine solche Seite ans Laufen zu bringen und zu halten.
Im Moment haben wir im deutschsprachigen Raum das Glück, dass wir mit l-Mag, Straight und Libertine drei lesbisch-queere Printmagazine auf dem Markt haben. Es bedarf aber keiner Glaskugel, um zu vermuten, dies wird in zwei Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr der Fall sein.

Die Frage, die sich seit heute Morgen für mich stellt. Wie ist es überhaupt möglich, ein lesbisches Medienprodukt langfristig finanziell erfolgreich zu vermarkten, wenn es AfterEllen mit all seinem professionellem Background nicht geschafft hat?

Eine Frage, die uns hoffentlich in 30 Jahren Silke Bader und Lindsay Riley (Besitzerinnen der Lesbenmagazine: Curve, USA, LOTL , Australien, und DIVA, England), sowie Gudrun Fertig und Manuela Kay (Besitzerinnen der Magazine Siegessäule und l-Mag) positiv beantworten können.

Kritik bliebt nicht aus

Natürlich äußerten sich zu AfterEllen oft auch kritische Stimmen. Meine persönliche Kritik bezog sich in den letzten Jahren hauptsächlich darauf, dass die Seite oft zu unkritisch war.

Wäre das Symptom des Lesbian Death Tropes auch dann passiert, wenn AE-Autorinnen nicht für fast jede miese Storyline eine Entschuldigung gefunden hätten und diese dann eben kritischer hinterfragt hätten ?
Wir werden es leider nie erfahren. Und ich bin dankbar, dass Heather Hogan inzwischen ihren Kopf aus dem Hintern ignoranter Produzenten gezogen hat und ihre Artikel bei Autostraddle sehr viel kritischer sind als zu ihren AfterEllen Zeiten.

Noch eine persönliche Anekdote.

Ich hatte im Jahr 2010 die Ehre während den GayGames Cologne mit drei weiteren Frauen zusammen den offziellen Meetingpoint für Frauen zu organisieren, der den Namen „WomenPlace“ trug. Gerüchte besagen bis heute, das ausgerechnet der „Lesbenort“ die einzige Institution der GayGames war, die einen Gewinn erwirtschaften konnte.

Als PR-Koordinatorin dieses Ortes hatte ich diverse tolle Frauen zu Gast, aber aus heutiger Sicht war das Zusammentreffen von Bridget McManus (Comedian und Urgestein von afterellen.com), Sandra Showtime (Gründerin von Eurout.org) und Shirin Papillon (Gründerin von Onemorelesbian.com) ein für mich Lesben-historisch ein wichtiges Ereignis. Denn zu der Zeit waren diese drei Webseiten die wichtigsten Popkulturseiten. Zwei davon (AE und Eurout) sind leider inzwischen Geschichte.

GayGames Cologne
(Auf dem Foto zu sehen von links nach rechts: Shirin Papillon, Sandra Showtime und Bridget McManus)

Ich beende diesen Artikel mit einem wichtigen Hinweis von Trish Bendix, die letzte Chefredakteurin von AfterEllen:

“The last thing I will leave you with is that we need to support one another, because support from anywhere else is not guaranteed. Support queer women, women of color, trans women—give other deserving women your money, your eyeballs, your attention. Donate to their Kickstarters, visit their websites, advertise in their pages, buy their albums, go see their films in theaters, purchase their novels, frequent their businesses.”

Daniela Zysk

Co-Gründerin von phenomenelle. Sie erlebte ihre ersten Lesbenbabyschritte in der schwäbischen Provinz und war dann später in Köln in mehreren LGBTIQ Organisationen tätig, wo sie u.a. den WomenPride gründete und im Moment das Filmfestival homochrom unterstützt. Sie ist ein unverbesserlicher Happy-End Freak und findet die Vernetzungsmöglichkeiten dank der Social Networks das Größte seit der Erfindung von kalten koffeinhaltigen Getränken.

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6 Kommentare

  1. Konny22. September 2016 um 05:57Antworten

    Liebe Daniela, vielen Dank für diese – wenn auch traurige – Nachricht. M.E. ist das ein ganz normaler (kapitalistischer) Prozess: Sobald Lesbenthemen vom Mainstream vereinnahmt werden, sind sie weg.
    Es gehören Mut, Ausdauer, die Bereitschaft, kein Geld zu verdienen und jede Menge Idealismus dazu, eine lesbische Webseite am Leben zu erhalten. Nächstes Jahr wird lesben.org 19 Jahre alt, mal schauen, wie lange ich noch durchhalte :-)

  2. Lea22. September 2016 um 15:32Antworten

    Wie kann frau so doof sein, an einen Riesenkonzern zu verkaufen und dann glauben, dass so ein Unternehmen die Seite dauerhaft im Netz lässt, ohne gute Gewinne? Da geht es nur ums verkaufen, Inhalte sind völlig irrelevant.
    Der erste Fehler war schon MTV zu verkaufen…

  3. Lea22. September 2016 um 15:32Antworten

    an

  4. Susanne Lück23. September 2016 um 21:58Antworten

    Ein großartiger, engagierter Beitrag zur lesbischen Online-Kultur, danke, Daniela. Sehr informativ …

  5. Bioschokolade24. September 2016 um 18:21Antworten

    Neulich hab ich noch die diesjährige Afterellen Hot 100 durchklickte und mir gedacht – während der Browser mindestens einmal dabei abstürzte und auch sonst immer hakte – das früher mehr Lamette war. Was war das damals für ein Fest als die Hot 100 rauskam. Ich erinnere mich noch daran das irgendwann mal die ganzen Vlogger (und die hatten wirklich tolle Vlogger) alle 100 Damen vorstellten. Dieses Jahr kenne ich die Gewinnerin gar nicht. Keine Ahnung, wer das ist.

    Und wenn ich in mich reinhöre muss ich feststellen, das mich der Niedergang von Afterellen eigentlich gar nicht wirklich sehr berührt. Klar es ist traurig und mich verbinden viele schöne Erinnerungen an die Seite. Ich habe die L-Word Recaps geliebt, teilweise besser gefunden als die Serien selbst. Viele Internationale Serien und Webserien habe ich dadurch kennengelernt. Die Liste lässt sich da lange erweitern. Aber irgendwann hat mich die Seite halt … nicht verloren, aber man wollte auch nicht mehr täglch reingucken, sondern dann hat auch 1 mal die Woche gereicht.

    Natürlich hält ein großes Medienunternehmen nur Sites die Profit machen. Und wenn Häkeltasche, schöne Stoßstangen oder Tipps für die Mütter daheim halt mehr bringen als Lesben, dann setzen sie selbstverständlich nicht auf die Lesben. Das ist sehr sehr schade aber 1. Semester BWL und ein Risiko was man mit dem Verkauf damals wohl einging.

    Ich hege ja die Hoffnung das autostraddle, zu der ja wohl auch Autoren wechseln, das vielleicht auffangen kann, jedenfalls ist das auch ne schöne Site. Oder sich doch was neues bildet. Man wird es ja sehen.

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