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phenomenelle des Tages: Anita Berber

Anita Berber (10.6.1899–10.11.1928)

Anita Berger, 1918Im schillernden Berlin der 20er Jahre gehört sie zu den großen Stars der Kabarett-, Varieté und Clubbühnen. Tournéen führen sie durch halb Europa und in den Nahen Osten. Ihr Ruhm spricht sich bis in die USA herum. Abends tanzt sie nackt ihre Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase, tagsüber kreiiert sie mit Monokel und Smoking eine neue Mode für Frauen.

Die Tochter eines Geigers und einer Diseuse nimmt bereits als 15-Jährige Tanz- und Schauspielunterricht. Auftritte und eine Tournée durch Deutschland mit dem Ensemble der Tanzlehrerin Rita Sacchetto folgen. Doch schon bald überwerfen sich die beiden. Sacchetto findet Berber zu exhaltiert. Die junge Tänzerin fühlt sich vom künstlerischen Ausdruck der Zeit, dem Expressionismus, magisch angezogen. Sie erobert, kaum 18 Jahre alt, die Berliner Bühnen, tritt in der Schweiz, in Ungarn und Österreich auf.

Auch der Film wird auf die junge Wilde aufmerksam. 27 Mal steht sie vor der Kamera mit Stars wie Albers, George und Jannings. Eine ihrer ersten Rollen spielt sie 1919 in Richard Oswalds Anders als die Andern, dem weltweit ersten Film, der Homosexualität thematisiert. Berber selbst liebt Frauen und Männer. Dreimal heiratet sie, vom ersten für sie unpassend bürgerlichen trennt sie sich wegen der Barbesitzer Susi Wannowsky, von den beiden späteren ist zumindest Nr. 2, Sebastian Droste, homosexuell. Er wird ihr Bühnenpartner, gemeinsam konsumieren sie Alkohol und Kokain.

Mit den Drogen kommen auch die Skandale. Sie lebt das Leben in vollen Zügen, prügelt sich, wenn sie wütend ist. Und wird das Sinnbild für den „Tanz auf dem Vulkan“ der 20er Jahre, den hemmungslosen Drang, sich auszuleben, ohne einen Gedanken an das Morgen. Während eines Auftritts in Beirut bricht die Berber zusammen. Diagnose: Tuberkulose. Die Rückreise ist beschwerlich, dauert 4 Monate. Ihr letztes Zuhause in Berlin wird das Bethanien-Krankenhaus. Die ekstatische Tänzerin, die ihr Publikum gleichzeitig fasziniert und schockiert, der Liebling der Großstadt-Bohéme stirbt mit gerade einmal 28 Jahren.

Foto: Waldemar Titzenthaler [Public domain], via Wikimedia Commons

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