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SÜT Köln

Grüne Tomaten erscheint auf Blu-ray

Von Susanne Lueck | Am 11. Juni 2013
Kategorien: Film, kulturelle | Mit 1 Kommentar

The Secret’s in the Sauce

Grüne Tomaten Szenenbild 01 – © Studiocanal

Es gibt eine ganze Menge Frauen, die bezweifeln, dass eine Besprechung der Hollywoodversion von Grüne Tomaten (1991) überhaupt etwas auf einem Webportal für lesbische Frauen zu suchen hat. “In diesem Film sehe ich keine einzige Lesbe!”, habe ich schon öfter gehört. Sie haben nicht unrecht. Das gilt auch für die frisch erschienene Blu-ray-Version von Studiocanal, die seit dem 6. Juni 2013 im Handel erhältlich ist – selbst wenn die Director’s Cut-Version des Films darauf um ganze 6 Minuten länger ist.

Lesben ohne Sichtbarkeit

Regisseur Jon Avnet hat versäumt, in seiner Filmversion von Fannie Flaggs fast 30 Jahre altem Roman Fried Green Tomatoes at the Whistle Stop Café sein Protagonistinnenpaar Nummer eins, Idgie und Ruth, deutlicher als Liebespaar zu erkennen zu geben – die Zeit und der Ort außerhalb des tiefsten Sumpfs der US-Südstaaten hätten es ihm möglich gemacht, vielleicht sogar verlangt. Dennoch hat Avnet – vielleicht mit Blick auf die Kasse, möglicherweise auch um einer vorschnellen Schubladenkategorisierung vorzubeugen – darauf verzichtet, den Zuschauerinnen die im Roman deutlich beschriebene Beziehung der beiden als das zu zeigen, was sie ist: die tiefe emotionale und physische Bindung eines Frauenpaars auf Lebenszeit.

Entzückende Protagonistinnen

Doch trotz aller Vagheit in Sachen lesbischer Sichtbarkeit hat dieser Film uns viel zu bieten – und das nicht nur, weil frauenliebende Frauen ohnehin zwischen den Drehbuchzeilen lesen und mit Idgie und Ruth zusammen Tränen des Leids und der Freude vergießen. Nie war Mary Stuart Masterson mehr butch und nie war sie zauberhafter. Mary-Louise Parker ist noch ein wenig engelsgleicher als in Boys on the Side.

Starke Frauen

Szenenbild Grüne Tomaten 02 – © StudiocanalUnd der ganze Film wimmelt nur so vor starken Frauen. Eine Aufzählung all der Heldinnen des Alltags, die hier im rassistischen Süden der 1920er- und 1990er-Jahre Rückgrat, Überzeugung und auf selbstverständliche Art zupackenden Einsatz beweisen, möchte ich mir zwecks Spannungserhalt ersparen – immerhin geht es um einen äußerst brisanten Mordfall! Dessen elegante Lösung wird uns, so viel sei verraten, fast nebenbei serviert und wirkt umso heftiger. Mich persönlich hat sie außerdem enorm gefreut. Und dann, ob lesbisch oder nicht: Wer bei der Szene vor Gericht nicht einmal heimlich ein Tränchen verdrückt, hat kein Herz im Leib.

Juwel des Frauenfilms

Was Heldinnenpaar Nummer zwei angeht: Kathy Bates ist – da gibt es einfach kein anderes Wort – umwerfend als feministisch erweckte Hausfrau im menopausalen Hormonrausch. Allein ihr Parkplatzkampf vorm Supermarkt wird ewig ein Juwel der Frauenfilmhistorie bleiben. Und Jessica Tandy, die leider schon allzu bald nach diesem Film verstarb, bringt Ninny, die fröhliche alte Erzählerin der Rahmenhandlung, die sich an ihre Jugend mit Idgie und Ruth erinnert, so authentisch und anrührend auf den Bildschirm, dass jede Erinnerung an die übellaunige alte Zicke aus Miss Daisy und ihr Chauffeur verblasst. Ihre fragile Ninny möchte nichts anderes als nach Haus an einen Ort, den es schon lang nicht mehr gibt, lässt sich die strahlende Laune aber weder durch Schicksalsschläge noch durch ihren Zwangsaufenthalt im Pflegeheim je vermiesen.

Vorzüglicher Snack

Die titelgebenden frittierten grünen Tomaten habe ich übrigens schon mal in einem Kölner Whistle Stop Café probiert: ein unerwartet vorzüglicher Snack! Eine vegane Variante des Rezepts aus dem Roman stellt euch phenomenelle hier gern zum Nachkochen zur Verfügung:

Frittierte Grüne Tomaten

Zutaten:

  • 1 mittelgroße grüne Tomate pro Person
  • Salz
  • Pfeffer
  • Maismehl
  • Rapsöl

Tomaten in 0,5 cm dicke Scheiben schneiden und gut mit Salz und Pfeffer würzen. Von beiden Seiten dick in Maismehl wälzen. In einer großen tiefen Pfanne viel Rapsöl stark erhitzen und die Tomaten darin von beiden Seiten gut bräunen.
Ihr werdet glauben, ihr seid im Paradies angekommen!

Das Geheimnis liegt dann aber natürlich, wie überall, in der Sauce ;-)

Blu-ray-Ausstattung

Cover Grüne Tomaten – © StudiocanalTechnisch wartet die neue Blu-ray mit brillantem in 1080/24p, AVC-kodierten Full-HD-Bildmaterial sowie einer englischen und deutschen Tonspur in Stereo DTS-HD MA auf. Das Bonusmaterial besteht aus einem Featurette, Interviews mit Regisseur und Hauptdarstellerinnen, einem Porträt der legendären Jessica Tandy und dem Trailer. Außerdem erscheint der Film im Director’s Cut. Auch die um 6 Minuten kürzere Kinofassung ist auf der Blu-ray disc zu sehen, diese allerdings nur in Standard-Qualität.

Originalsprachig genießen

Abschließend muss ich als alte Anglistin leider noch ein Klischee bemühen und die deutsche Sprachfassung dieses Klassikers bemängeln. Sie ist in diesem Fall tatsächlich derart viel lieb- und herzloser, ja langweiliger ausgefallen als die Originalfassung, dass ich allen Frauen mit halbwegs rudimentären Englischkenntnissen wärmstens die US-Tonspur der Blu-ray ans Herz legen möchte – es gibt deutsche Untertitel. Towanda!

PS: Wer in der Szene mit dem grauenvollen “Wie-gefalle-ich-den-Männern”-Workshop genau hinsieht, kann die Autorin des Romans, Fannie Flagg, entdecken (die übrigens lange mit der sehr viel bekannteren Südstaaten-Schriftstellerin Rita Mae Brown liiert war). Sie spielt die Seminarleiterin.

Alle Fotos: Studiocanal

Susanne Lueck

schreibt und lektoriert seit über 15 Jahren in Köln und hat so viele Bücher, Spiele und Web-Artikel zu so vielen Themen bearbeitet, dass sich ein Klick auf http://www.lueckenlos.eu schon lohnt. Autorin ist sie mit großer Freude, Cineastin aus Leidenschaft. Stolze phenomenelle-Teamerin ist sie seit 2012.

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Ein Kommentar

  1. Lez News #313. Dezember 2015 um 14:58Antworten

    [...] mit sieben neuen Szenen und 345 Sekunden mehr Laufzeit. Hier eine Rezension von Susanne Lück: http://www.phenomenelle.de/kulturelle/grune-tomaten-erscheint-auf-blu-ray/ Nein ich muss euch enttäuschen, es gibt auch da keine ausschweifende Make-Out Szene zwischen Idgie [...]

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