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Keine Buchstabensuppe mehr

Von Gastautorin Linda de Marco und Sylvain Bruni | Am 10. Juni 2012
Kategorien: querelle, Tacheles | Mit 0 Kommentaren

Boston Pride Parade 2012

Vor ungefähr einem Jahr entschloss sich der Boston Pride zu einer organisatorischen Gewissensprüfung. Wer sind wir als Bewegung, wen repräsentieren wir, in welche Richtung entwickelt sich die Bewegung, und was ist unsere Rolle als Organisation, die unserer Community, unseren Kollegen und Unterstützern, Führung und Beratung anbietet?

Der Prozess war sowohl herausfordernd als auch produktiv und wir kamen schließlich zu einer überraschenden, aber bestärkenden Schlussfolgerung: nämlich, dass es Zeit war die Buchstabensuppe der Zeichen – L, G, B, T, Q, I aus unserem Leitbild zu streichen. Unser Leitbild sollte nicht länger von einer Kategorisierung und Etikettierung von Mitgliedern der Community durch einen bestimmten Buchstaben definiert werden, mit dem man sich identifizieren konnte oder nicht. Stattdessen würde der Boston Pride diese Etikettierung beseitigen und alle Mitglieder der Community und unsere Mitstreiter, die uns unterstützen, einbeziehen – unabhängig davon, wie sie sich im Gender-und Genderidentitätsspektrum, identifizieren.

Um es klar zu stellen, diese Entscheidung stellt keinen Rückschritt für unsere Anliegen dar, die Mitglieder unserer Community zu unterstützen. Es ist eher ein mutiger Schritt nach vorne. Wir wissen, dass die Buchstabensuppe für Viele als wichtige Identifikation gedient hat. Unzählige Mitglieder unserer Community haben sich in vielerlei Hinsicht in ihrem Leben unsichtbar gefühlt, nicht zuletzt aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, und es ist wichtig, ein Teil einer Organisation zu sein, die ihnen explizit mitteilt, wie wichtig es ist, dass sie stolz darauf sein sollten, wer sie sind. Aber während wir als Bewegung gewachsen sind, haben wir auch festgestellt, dass es kontraproduktiv sein kann, wenn wir die Buchstabensuppe gebrauchen, da sie viele Menschen ausschließt, deren Identitätssinn fließend ist. Wir möchten, dass sich jeder durch unsere Arbeit als Teil der Community fühlt und niemand sich ausgeschlossen fühlt, weil „ihr Buchstabe“ fehlt.

Der Boston Pride ist immer unter den landes-und weltweit führenden CSD-Organisationen gewesen. Das erste Mal gingen wir zur Unterstützung der Community Anfang der 70er auf die Straße. Wir veranstalteten das erste Treffen, bei dem sich Anfang der 80er Jahre der Weltverband der Pride-Organisatoren bildete. Wir werden auf der diesjährigen Boston Pride-Parade und dem dazugehörenden Festival „30 Jahre weltweiter Pride-Bewegung“ feiern, um so der internationalen Pride-Konferenz zu gedenken, die kommenden Oktober in Boston stattfindet. Wir waren eine der ersten Organisationen, die die Anliegen von Lesben bekannt gemacht haben, und begannen das Acronym „LGBT“ statt „GLBT“ zu verwenden. Wir glauben, dass unser Leitbild durch das Entfernen der Buchstabensuppe ein anderes Element für die Führung unserer Organisation und für die globale Pride-Bewegung darstellt.

Unsere Community hat es weit gebracht seitdem wir das erste Mal vor 40 Jahren auf die Straße gegangen sind. Immer mehr Menschen in Amerika und andernorts zeigen mit Stolz, wer sie sind, was ermutigend ist. Dennoch erinnern täglich Schlagzeilen, sowohl von weit entfernten Orten als auch aus der direkten Umgebung, auf grausame Weise daran, dass viele Menschen immer noch Diskriminierungen, Verbannung, sogar Drohungen von Körperverletzung und Tod gegenüberstehen – nur aufgrund der Tatsache, wer sie sind und wen sie lieben. Als eine Bewegung sehen wir uns veranlasst, Wege zu finden, Fortschritte anzuerkennen, während wir fortfahren, denjenigen Stolz und Kraft einzuflößen, die danach suchen.

Wir glauben, dass der nächste Schritt für die Pride-Bewegung Inklusivität ist – auf eine wahrhaft umfassende Art und Weise. Wir wissen, dass das keine leichte Aufgabe ist. Sogar innerhalb unserer Organisation und unter unseren Unterstützern hat die Wegnahme der bekannten Buchstaben wichtige Diskussionen und einige Unstimmigkeiten hervorgerufen. Wir konnten aber die Tatsache nicht länger ignorieren, dass die Buchstabensuppe viele außen vor ließ. Sprache und Identität waren immer wichtig für unsere Community und das werden sie auch in Zukunft sein. Da sich die Pride-Bewegung weltweit festigt, und unsere Organisation ihre Suche nach Inklusivität und Repräsentation fortsetzt, glauben wir, dass unsere Mission sich entwickeln und an die Community anpassen muss, ohne jemanden zurückzulassen. Und dafür müssen wir uns von der verabschieden.

Aus dem Englischen von Andrea Schlosser
Foto: Michael Anthony Fowler 

Der Boston Pride verabschiedet sich davon, die einzelnen Teile der Community durch jeweils einen eigenen Buchstaben zu repräsentieren. Was meint ihr, ein revolutionärer Schritt in die Zukunft, ein Rückschritt oder ist euch das herzlich egal?

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