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Fußballfans akzeptieren schwule Spieler

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Der Come-Together-Cup (CTC) setzt jedes Jahr ein Zeichen für Toleranz.

Philipp Lahm liegt wohl falsch, wenn er schwulen Fußball-Profis davon abrät, sich zu outen.

Die überwältigende Mehrheit der Fußballfans würde offen schwule Spieler unterstützen, denn auf dem Platz zählt für sie nur eins: die fußballerische Leistung. 93 Prozent der Fans sehen das laut einer Befragung so, deren Ergebnisse aktuell am 1. Juni 2012 im British Journal of Sociology erscheint.

Homophobe Fußballkultur ein Irrglaube?

Professor Ellis Cashmore und Dr. Jamie Cleland von der Staffordshire Universität sammelten 2010 innerhalb von vier Monaten die Antworten von 3.500 Fußballfans in anonymen Online-Befragungen ein. Sie legen damit, wie sie selbst meinen, die erste empirische Studie zu Homphobie bei Fußballfans vor. „Es ist ein weit verbreiteter Glaube, dass der Fußball nicht bereit für offen schwule Spieler ist,“ sagt Professor Cashmore. „2010 hat der englische Fußballverband (Football Association, FA) eine Kampagne fallen gelassen, die Homophobie angehen sollte, mit der Begründung, eine solche Kampagne sei passender, wenn die Masse der Fans ‚etwas zivilisierter sind‘.“

Einen zweiten Anstoß für die Befragung gab im Dezember 2009 der PR-Berater Max Clifford. Er hatte zwei Profis der Premier League geraten, im Schrank zu bleiben, weil Fußball „im dunklen Zeitalter verharrt und von Homphobie durchdrungen ist.“ Die beiden Forscher fragten sich daraufhin: „Ist Homophobie wirklich so weit unter Fans verbreitet, wie der Fußballverband annimmt oder so gar noch stärker?“ Ziel war es, die Haltung sowohl von Fans wie auch von Offiziellen zu untersuchen.

Fankultur besser als ihr Ruf

83 Prozent der Befragten bezeichneten sich selbst als männlich, 17 Prozent als weiblich – was zu der aktuellen Verteilung der Geschlechter in englischen Fußballstadien passt. Die durchaus überraschenden empirischen Daten weisen darauf hin: Fankultur ist toleranter und liberaler gegenüber Homosexualität, als die bislang existierende Literatur und auch die Erfahrungen vermuten ließ. Der erste Fußballer, der 1990 sein öffentliches Coming Out in England hatte, erfuhr noch Ablehnung durch Spieler, Fans, Medien und sogar innerhalb der Familie. Als er auch noch sexueller Übergriffe an einem Jugendlichen beschuldigt wurde, beendete er 1998 sein Leben. Ein Mobbing-Opfer mehr.

Doch die aktuelle Studie lässt hoffen, denn für die überwältigende Mehrheit der Fans spielt vor allem eine Rolle, was ein Spieler auf dem Platz abliefert. Das private Leben ist irrelevant. So sagt ein Arsenal Fan: „Wenn Ronaldo, Drogba oder Rooney sagen würden, sie sind schwul, würden die Fans aufhören, ihr Spiel zu unterstützen? Ich denke nicht.“ Er ist sich sicher: „Würden diese Spieler mit den Top-Clubs immer noch Trophäen gewinnen, obwohl sie vielleicht schwul sind? Definitiv, weil es ihre Vorstellung auf dem Platz ist, für die sie wahrscheinlich beurteilt würden.“ Allerdings weisen die Autoren der Studie auch daraufhin, dass eine Minderheit von 7 Prozent dabei bleiben: Homosexualität hat im Fußball nichts verloren.

Fußballverbände sind in der Verantwortung

Interessanterweise sehen die befragten Fans eher Fußball-Offizielle und die Medien verantwortlich für das nach wie Bild von der homophoben Fußballkultur. 84 Prozent behaupten, die „Schuld für Homophobie“ liege nicht bei den Fans sondern bei den Offiziellen, die Druck auf die Spieler ausübten, im Schrank zu bleiben. 46 Prozent glauben, die Clubs verbreiteten eine Kultur der Heimlichkeit, 45 Prozent beschuldigen die Sportagenten, nur ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Sieht aus als wollten weder Clubs noch Manager irgendein Risiko eingehen. Ein Verhalten, dass wir nur zu gut von Film-Produzenten und Fernsehsendern kennen, wenn es um gleichgeschlechtliche Inhalte auf der Leinwand geht. Die Fans glauben, Profis fürchten die Medien. Dabei sagen 94 Prozent, dass diese kein Recht hätten, einen Spieler zu outen. Deshalb sehen sie Fußballverbände und Clubs in der Verantwortung, etwas zu tun. Sie glauben mehrheitlich, Kampagnen gegen Homophobie von offizieller Seite, hätten einen positiven Einfluss.

Auch wenn sich die Ergebnisse der Studie nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen lassen, stimmen Aktionen wie die beeindruckende Aktion gegen Homophobie im Mainzer Fußballstadion hoffnungsvoll. Die einst so homophobe und machistische Fußballkultur scheint sich zu verändern. Und was die eingeforderte Unterstützung von Offiziellen angeht. Da hatten wir doch Theo Zwanziger? Sein Erbe müssen DFB und Fußballvereine weiter tragen. Die Fans scheinen jedenfalls darauf zu warten.

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