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Lesbische Sichtbarkeit

Von Gastautorin Nele Tabler | Am 1. Juni 2012
Kategorien: querelle, Tacheles | Mit 3 Kommentaren

Lesbenzeichen auf antikem Klingelschild

In meiner Kindheit und Jugend bestand die Welt aus Männern. Schüler wurden von Lehrern unterrichtet, Bürger wählten Politiker und Ärzte behandelten Patienten.

Heutzutage sind Anschreiben an die „Lieben Kolleginnen und Kollegen“ Normalität und eine Rede im Bundestag, die sich nur an „Herren“ richtet, würde einen Sturm der Entrüstung auslösen. Im § 1 Abs. 2 des Bundesgleichstellungsgesetzes heißt es: „Rechts- und Verwaltungsvorschriften des Bundes sollen die Gleichstellung von Frauen und Männern auch sprachlich zum Ausdruck bringen. Dies gilt auch für den dienstlichen Schriftverkehr.“ Eine Vielzahl von Leitfäden hilft Unternehmen und Ämtern beim geschlechtergerechten Formulieren. Frauen sind sichtbar und kein Anhängsel von Männern mehr.

Einfach eine schwule Welt

Doch was für die Allgemeinheit mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden ist, gilt noch lange nicht in der homosexuellen Welt. Hier existieren weiterhin nur Männer, wie vor Kurzem Obamas Bekenntnis zur „Homoehe“ wieder eindrucksvoll zeigte. Von seiner Rede verstanden die deutschen Medien nur „schwul, schwul, schwul“ und schrieben durch die Bank weg, der Präsident der USA habe sich zur Schwulenehe bekannt. Eine heterosexuelle Linguistin schlug deshalb vor, vielleicht sollten wir Lesben uns mit dem Begriff „Schwulinnen“ anfreunden. Dann könnten „Schwule“ zu unserem Generischen Maskulinum werden. Ihrer Meinung nach wäre die Einführung von „Schwulinnen“ erfolgsversprechender und nervenschonender, als weiterhin zu versuchen, Lesben als Lesben in den Medien sichtbar zu machen.

Mein heterosexuelles Umfeld hier auf dem Land kennt mittlerweile viele Schwule: Wowereit, Westerwelle, diesen „Ole Sowieso“, den früheren Hamburger Bürgermeister. Und einen von den Grünen, der immer in den Nachrichten kommt, wenn es um „Schwulenrechte“ geht. Er hat eine Brille und kurze Haare. Wie heißt der noch gleich? Harpe Kerkeling, Patrick Lindner, einen Schauspieler aus der Lindenstraße, „so ein Dünner“. Rock Hudson, „der Mann von Doris Day, war ja auch schwul und ist daran gestorben“. Und natürlich fehlt bei dieser Aufzählung nie M., der erste offen lebende Schwule in unserer Gegend. „Ein ganz normaler netter Kerl“.

Lesben bleiben unbekannt

Und Lesben? Man kennt mich, die Liebste und Hella von Sinnen, „diese Verrückte, die immer so rumkreischt“. Die Ludwigshafener Tatortkommissarin und Anne Will fallen manchen noch ein. Gelegentlich werden auch Schauspielerinnen, die in Soaps Lesben darstellen, fälschlicherweise für lesbisch im realen Leben gehalten. Aber im Vergleich zu den Schwulen ist die Aufzählung kümmerlich. „Frauen wollen doch lieber Kinder kriegen, die werden dann nicht lesbisch. Deswegen gibt es nicht so viele“, hat sich ein Nachbar als Erklärung zurechtgelegt und wundert sich deshalb auch nicht, wenn die hiesigen Zeitungen über Schwulenparaden schreiben. Für die Handvoll lesbischer Frauen scheint sich der Aufwand einer längeren Überschrift einfach nicht zu lohnen.

Lesbische Politikerinnen, weibliche Pendants zu Wowereit und Westerwelle, sind in meiner Umgebung überhaupt nicht bekannt, Kinder hin oder her. Leider kann selbst ich nicht mit Namen dienen. Hinterbänklerinnen aus verschiedenen Landtagen genießen nun mal keinen bundesweiten Bekanntheitsgrad und die anderen wollen sich nicht outen. Es sei schon schwierig genug, als Frau Politik zu machen, erklärte mir mal eine Bundestagsabgeordnete. In der Berichterstattung dominiere der Hut und der Lippenstift, bei einer Lesbe käme dann noch unterschwellig die Fantasie der „Lesbenpornos“ für Heteros dazu: Zwei Frauen verwöhnen einen Mann.

Nur ein Randproblem?

Sobald die Sichtbarkeit von Lesben auf meinem Blog Thema ist, fragen sowohl schwule als auch heterosexuelle Männer nach, ob es denn auf der Welt keine größeren Probleme gäbe. Zwar zeigen sie Verständnis für meinen Wunsch, nicht als schwul bezeichnet werden zu wollen, doch angesichts der Kriege, Naturkatastrophen und Benzinpreise halten sie eine Beschäftigung mit solchen Kinkerlitzchen für lächerlich. Erst der Weltfrieden, dann die lesbische Sichtbarkeit. Wie in den Siebzigern, als die Genossen die Lösung der Frauenfrage auf die Zeit nach der Weltrevolution verschieben wollten.

Zwei, drei Maskulisten verweisen bei solchen Gelegenheiten reflexartig und beinah schon triumphierend auf Todesurteile im Iran und anderswo gegen Schwule. Damit liefern sie ihrer Ansicht nach den ultimativen Beweis, dass Lesben in diesen Ländern unbehelligt leben können. Wäre es anders, würde in den Medien darüber berichtet werden, lautet ihre Logik. Also sei mein „Gejammere“ über die lesbische Unsichtbarkeit nur das Verlangen einer durchgeknallten Männerhasserin, immer an erster Stelle der Opferlisten stehen zu wollen. An diesem Punkt wird die lesbische Unsichtbarkeit lebensgefährlich. Was in den Medien nicht stattfindet, passiert nicht, also brauchen Lesben kein Asyl aufgrund ihrer sexuellen Identität. Und als Frauen sowieso nicht, die werden schließlich überall auf der Welt umgebracht, einfach weil sie Frauen sind.

Ich wünsche mir…

von den Medien, dass sie die Schwulenehe aus ihrem Wortschatz streichen. Ich wünsche mir von den heterosexuellen Feministinnen, dass sie auf Schwulenparaden ebenso allergisch reagieren wie früher auf das Nichtbenennen von Frauen. Ich wünsche mir von lesbischen Politikerinnen, dass sie sich trotz verständlicher Bedenken endlich outen. Und ich wünsche mir von den Lesben, dass sie offensiver in der Öffentlichkeit auftreten. Damit man ihre Existenz nicht nur in Köln bemerkt, sondern auch hier auf dem Land!

Karnele, der Blog von Nele Tabler

Über Nele Tabler
Die Autorin Nele Tabler lebt mit Frau und zwei Hunden im Odenwald. Sie schreibt Krimis, Liebesgeschichten, Kolumnen, Kurzgeschichten und bloggt seit 2002 auf der Karnele über Feminismus und lesbisches Leben. Schubladen sind ihr zuwider.Nele Tablers E-Book

 

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3 Kommentare

  1. Anke Kropp3. Juni 2012 um 16:22Antworten

    Vielen Dank Nele Tabler für diesen guten Kommentar. Du sprichst mir aus dem Herzen! Auch wenn ich keine berühmte lesbische Sportlerin oder Politikerin bin, halte ich es für sehr wichtig, sensibel dafür zu sein, welche Worte gewählt werden.

  2. Thomas Arne5. Juni 2012 um 00:42Antworten

    Ich bin ganz Deiner Meinung. Es ist in unser aller Interesse, dass die Lesben endlich sichtbarer werden und verstärkt wahrgenommen werden. Ich wundere mich auch immer wieder über solche verbalen Auswüchse wie die “Schwulenehe”. Anscheinend haben viele Hetero-Männer eine derartige Schwulen-Obsession, dass sie immer alle LGBT-Angelegenheiten auf uns Schwule reduzieren müssen. Und wir, die Community, nehmen das zu oft hin. Deswegen sind solche Artikel wichtig.
    Und zum Thema “der Weltfrieden ist wichtiger”: ein sehr dürftiges Argument, um jemanden, der unbequem ist, Mundtot zu machen, damit alles schön beim Alten bleibt und sich bloß nix ändert…

  3. (Nicht nur) links hat ein (R*pe) Problem… | Asaekante9. Juni 2014 um 19:40Antworten

    [...] Das in den großen Medien immer wieder Homosexuell gleich Schwul gesetzt wird, ist leider Usus[6], aber auch innerhalb der homosexuellen Aktivist*innen kommt es immer wieder zu massiver Diskriminierung in dieser und anderen Formen von Sexismus[7]. Das Problem dabei ist, Lesben werden systematisch ausgeblendet und unsichtbar gemacht. Oftmals ist aus der Schwulenszene auch ein “Was interessieren mich schon Frauen, ich steh auf Männer!” zu hören. [...]

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