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Muss ich Angst vor dem Altwerden haben?

Von Sandra | Am 23. September 2012
Kategorien: querelle, Tacheles | Mit 4 Kommentaren

Bundesarchiv Bild 183-1990-0711-006, Schkeuditz, Kreiskrankenhaus, Patientenzimmer

Erlebnisse aus dem Pflegealltag eines Krankenhauses

Mit der Frage, ob ich Angst vor dem Altwerden haben muss, habe ich mich bis jetzt ehrlich gesagt noch niemals beschäftigt. Ich bin 35 Jahre alt, liebe Frauen, habe Spaß an meinem Leben und mir geht es gesundheitlich prima. Sprich, ich führe ein ganz normales Leben. Also warum sollte ich mir darüber Gedanken machen, ob ich Angst vor dem Altwerden haben muss. Tatsächlich mache ich mir jetzt “gezwungenermaßen” darüber Gedanken und mich gruselt es. Zur Zeit erlebe ich fast tagtäglich, wie mit älteren Menschen in Krankenhäusern umgegangen wird. Die Pflege, die sie erhalten sollten, kann als solche nicht so bezeichnet werden.

Eine Familienangehörige von mir liegt jetzt seit vier Wochen in einem Krankenhaus. Sie hat beginnende Demenz und noch einige andere Krankheiten, welche abgeklärt werden müssen. Ich bin sehr froh darüber, dass sie jetzt bald wieder entlassen wird, da das was ich in diesen vier Wochen erlebte, mich fassungslos gemacht hat. Nach einer Spiegelung und noch leicht in der Narkose liegend, wurde meine Familienangehörige nur mit OP-Kittel und ohne Zudecke frierend in ihrem Bett von uns vorgefunden. Keine Pflegerin, kein Pfleger hat sich daran gestört, sie wurde lediglich in ihr Krankenzimmer zurückgeschoben. Als meine Familie dies sah, wurde schnell für eine Zudecke gesorgt. Dabei weiß doch jeder, der selbst eine Narkose hatte, dass man während der Aufwachphase friert.

Zu wenig Personal – mangelnde Pflege

Nun ja, jetzt kann man denken, so etwas passiert sicher in der Hektik in einem Krankenhaus. Nur leider blieb es nicht bei diesem einen Vorfall. An einem Nachmittag musste meine Familienangehörige auf die Toilette. An ihrem Krankenbett waren an beiden Bettseiten die Gitter herauf gemacht. Die Klingel, die die Schwestern rufen sollte, lag so weit von ihr entfernt, dass sie selbständig nicht in der Lage war, diese zu drücken. Somit machten wir es und warteten. Eine Schwesternhelferin kam und sagte, sie würde einer Schwester Bescheid geben, kam jedoch mit der Info zurück, dass meine Familienangehörige selbständig auf den Toilettenstuhl gehen könnte. Ich war in diesem Moment so perplex, dass ich keine Antwort parat hatte. Im nächsten Moment fragte ich mich jedoch, wie jemand Bettlägeriges, der nicht selbständig genügend Kraft hat, in der Lage sein soll, auf einer Seite sein Bettgitter ohne Hilfe herunter zu machen, geschweige denn, alleine aus dem Bett zu kommen. Ich habe selber suchen müssen, wie und wo ich das Bettgitter herunter bekommen konnte und weiß jetzt, dass es alleine nicht umsetzbar ist. Von diesen Beispielen habe ich noch einige erlebt, wie

  • die falsche Medikamentenausgabe: die Medikamente waren eigentlich für die Bettnachbarin bestimmt (inkl. solchen, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen), da meiner Familienangehörigen deren Essen vor die Nase gesetzt wurde
  • keine Informationsweitergabe der Schwestern oder Pfleger_innen an den Arzt
  • keine Hilfe bei der Essensaufnahme – es fehlte die Zeit
  • keine Krankengymnastik während der Zeit der Immobilität

Nachdem wir uns bei dem Stationsarzt beschwerten, der sich sofort bei uns entschuldigte, wurde uns gesagt, wir müssten „Verständnis“ haben, die Station wäre unterbesetzt und die Arbeit wäre viel zu viel, für das vorhandene Pflegepersonal. Natürlich dürften aber Medikamente nicht vertauscht werden und die Pfleger_innen wären auf die Mithilfe der Familie angewiesen.

Was passiert, wenn es keine Angehörigen gibt?

Nur was ist mit den älteren Menschen, die keine Familie haben, weil sie vielleicht nicht in der Nähe leben? Oder was ist vielleicht irgendwann mit mir, sollte ich einmal in diese Situation kommen. Ich liebe Frauen und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit werde ich nicht für Nachwuchs sorgen. Wenn ich in diesem Bett liegen würde, kämen nicht meine Kinder, Enkel und Urenkel, um sich für mich einzusetzen, um sich um mich zu kümmern und um für mich mein Sprachrohr zu sein. Wird das Pflegesystem bis dahin menschlicher werden…? Ich hoffe es, denn ansonsten kann ich meine einleitende Frage „Muss ich Angst vor dem Altwerden haben…?“ nur mit einem klaren „JA“ beantworten.

Sandra

schlüpft begeistert in ihrer Freizeit in andere Rollen und bringt Spielekonsolen damit zum Glühen. Ihre Begeisterung für die virtuelle Welt bringt sie zur Rubrik Games, in der sie Klassiker und aktuelle Spiele testet. Damit sie für anstehende Testrunden fit genug bleibt, hält sie sich mit Sport oder ihrem Hund Franko in Form.

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4 Kommentare

  1. Caro23. September 2012 um 10:50Antworten

    Die Idee für den Artikel finde ich (24) prima. Genau die Fragen, mit denen ich mich auseinandersetze, weil mir Familie etc auch ansich wichtig ist. Familienplanung ist nunmal etwas komplizierter und die möglichkeit später (ungewollt) ohne Kinder zu sein nun mal größer.
    Leider hatte ich mir von dem Artikel mehr erhofft, als eine persönliche Geschichte, wie schlecht die medizinische versorgung ist (was keine abwertung sein soll), denn dies ist mir bereits bewusst.
    Würde mich nun sehr freuen, wenn dieses thema ausgebaut wird, wie andere und ältere lesben damit umgehen, sowohl mit diesesn medizinischen fragen, als auch generell !

  2. Sabine Arnolds24. September 2012 um 07:55Antworten

    Liebe Caro, danke für deine Anregung. Wir werden das Thema weiter verfolgen und ausbauen.

  3. Micha27. September 2012 um 18:00Antworten

    Finde diesen Artikel , gut. Da ich selber Krankenschwester bin und weiß wie es ist.Mache mir sehr große Sorgen wie es weiter gehen soll im Alter.Jeden Tag versuche ich mein bestes zugeben, gerade mit älteren Menschen die an Demenz erkrankt sind.Habe auch jemanden in meiner Familie die ich gerade selber Betreue.

  4. vanessa4. April 2014 um 23:41Antworten

    Es ist immer wieder traurig sowas zu hören, egal wo man in Deutschland lebt diese Geschichte wiederholt sich und wiederholt sich immer wieder. Ich bin auch Krankenschwester, jedoch nun im Op tätig, den es war unbefriedigend von der Arbeit heim zu fahren und dabei zu wissen, dass man nicht alles geschafft hat was man sich vorgenommen hatte bzw nicht pflegt wie man eigentlich pflegen möchte, weil einfach die Zeit und das Personal fehlt und natürlich ist es keine gerechtfertigung für dieses Fehlverhalten aber leider läuft das deutsche Gesundheitssystem so. Es wird an Personal gespart und darunter leiden die Patienten.
    Selbst ich (24) hab Angst mit der vortschreitende Medizin älter zu werden den irgendwann vegetiert man vor sich hin und wird von Maschinen am Leben gehalten ob es die Herz-Lungen-Maschine ist oder man wird künstlich ernährt. Fakt ist, man ist auf andere Menschen angewiesen und wen dieser Zeitpunkt kommt dann ist es für mich gleich des Tod. Somit lebe das Leben und Liebe die Frauen!

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