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Rezension: „Zwischen Autonomie und Integration“

Zwischen Autonomie und Integration. Schwule Politik und Schwulenbewegung in den 1980er und 1990er JahrenZwischen Autonomie und Integration. Schwule Politik und Schwulenbewegung in den 1980er und 1990er Jahren.

Können die 70er Jahre als (Wieder-) Aufbruch der deutschen Schwulenbewegung gelten, so sind die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts das Jahrzehnt der Ausdifferenzierung und Institutionalisierung und die 90er Jahre die Zeit der ersten politischen Erfolge und des ersten heftig umstrittenen Ankommens im gesellschaftlichen Mainstream. Diese 20 Jahre sind geprägt durch ein Verständnis des bewegten Schwulseins als sozialer Gegenbewegung ohne große gesellschaftliche Anerkennung und Beachtung und weitgehend begrenzt auf akademische Szenen. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre kamen schließlich die Aids-Hilfen als weiterer immer schlagkräftiger werdender Arm der Schwulenbewegung hinzu. Nach einer diese Entwicklungen grob umreißenden Einleitung der Herausgeber widmet sich Dietmar Kreutzer auf Grundlage einer Zeitungsrecherche den 80ern im Spiegel der Presse. 1980 erschien der erste Ralf-König-Comic, 1985 erwähnte Bundespräsident Richard von Weizsäcker erstmals die Schwulen ausdrücklich als Opfergruppe des Nationalsozialismus, 1989 wurde die eingetragene Partnerschaft in Dänemark eingeführt.

Vom Waldschlösschen bis zum Antidiskriminierungsgesetz

Rainer Marbach, Mitbegründer des Waldschlösschens, schildert die Entwicklung dieser schwulen Bildungseinrichtung vom alternativen Projekt zur staatlich anerkannten niedersächsischen Heimvolkshochschule. Es verstand sich als Teil einer alternativen Gegenöffentlichkeit und wurde 1980 als Freies Tagungshaus (also ohne „Staatsknete“) initiiert. Schon 1983 konnte das ehemalige Ausflugsziel gekauft werden, nachdem 1982 das erste eigene Seminarprogramm auf dem Weg zu einer „Volkshochschule für Schwule“ entwickelt worden war. 1986 fanden beispielsweise das erste Treffen schwuler Väter und das erste Positiventreffen im Waldschlösschen statt, das sich schnell auch zu einem geschützten Tagungsort für die sich langsam etablierenden Aids-Hilfen entwickelte, deren Bundesverband ebenfalls in diesem Jahr entstand. Die ersten 20 Jahre endeten 1999 mit der Anerkennung als Heimvolkshochschule. Beim Festakt hob die ehemalige Bundesgesundheitsministerin und Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth die Bedeutung des Waldschlösschens für ihren persönlichen Lernprozess zu Homosexualität und Aids hervor.

Joachim Bartholomae vom Männerschwarm Verlag rekonstruiert die Entwicklung der ersten schwulen Zeitungen, Buchläden und Verlage (Näheres auch unter www.maennerschwarm.de/bartholomae_chronik). Als erster offen zugänglicher schwuler Buchladen entstand 1978 der Prinz Eisenherz in Berlin. Von 1989 bis 1996 war die Monatszeitschrift „Magnus“ das Sprachrohr der Schwulenbewegung, bereits 1987 war die noch heute existierende Zeitschrift „Männer“, die sich auch stärker an ein nichtakademisches Publikum richtete, gegründet worden, 1992 folgte schließlich der heutige Männerschwarm Verlag.

Detlef Mücke und Klaus Timm beschreiben schwul-lesbisches Gewerkschaftsengagement gegen gesellschaftspolitische Widerstände ebenso wie gegen erhebliche Widerstände innerhalb der Organisationen, die Homosexualität teilweise nach guter alter linker Tradition als Oberschichtphänomen abtaten. Bereits 1980 beschloss die GEW eine Position zum Abbau von Diskriminierung von Homosexualität und Homosexuellen im Erziehungsbereich. 1986 forderte der DGB-Bundeskongress die Einzelgewerkschaften auf, aktiv für den Abbau von Diskriminierungen homosexueller Männer und Frauen einzutreten – entsprechende Beschlüsse der Einzelgewerkschaften folgten. 1989 fand das erste DGB-Jugendseminar für Schwule und Lesben statt, 1990 legte die ÖTV den Entwurf für ein Antidiskriminierungsgesetz für Schwule und Lesben in Arbeit und Beruf vor.

BVH – LSVD

Stefan Mielchen beschreibt die Entwicklung des Bundesverbands Homosexualität seit seiner Gründung 1986 bis zur Auflösung 1997: „Der BVH hat es in den elf Jahren seiner Existenz vermieden, sich dem gesellschaftlichen Mainstream anzupassen, und er hat versäumt, sich eine tatsächliche Machtoption zu eröffnen. Das erklärt wesentlich sein Scheitern.“ Insbesondere der PR-Erfolg des konkurrierenden SVD mit der Aktion Standesamt im Jahre 1992 führte zu einer zunehmenden politischen Perspektivlosigkeit der im BVH favorisierten Unverheiratetenpolitik.

Günter Dworek beschreibt die Entwicklung vom 1990 gegründeten Schwulenverband der DDR (SVD) bis hin zum Lesben- und Schwulenverband (LSVD). Der am 18.02.1990 in Leipzig gegründet Verband öffnete sich bereits am 23.06.1990 zum Schwulenverband in Deutschland mit bundesweitem Anspruch („Vereinigung andersrum“). Ein Jahr später wurden mit Volker Beck, Günter Dworek, Manfred Bruns und Dieter Zimmer vier Westschwule in das neunköpfige Sprechergremium gewählt. Zu den ersten Erfolgen des Verbandes noch zu DDR-Zeiten gehörte die Nicht-Geltung des §175 in den neuen Ländern bis zu seiner deutschlandweiten Abschaffung am 11.06.1994. Mitte der 90er Jahre initiiert der Verband die schwule Anti-Gewalt-Arbeit und legt den ersten Entwurf für ein Antidiskriminierungsgesetz vor. 1999 schließlich wird er zum Lesben- und Schwulenverband in Deutschland und hat entscheidenden Anteil an der Einführung der eingetragenen Lebenspartnerschaft zum 01. August 2001.

AIDS, Kunst und ein Blick auf die Lesbenbewegung

Dieter Telge beschreibt, wie die Aids-Selbsthilfe die Aids-Krise als Chance begreift und eine oft kontroverse, aber im Ergebnis fruchtbare Wechselwirkung zwischen schwuler Emanzipation und Aids-Selbsthilfe entsteht. Michael Bochow beschreibt Veränderungen der sozialen Situation schwuler Männer durch Aids. Dirck Linck schreibt über die schwule Kunst in der BRD der 80er Jahre von Jürgen Baldiga über Frank Ripploh bis zu Georgette Dee.

Christiane Leidinger wirft abschließend Schlaglichter auf die Kämpfe und Konflikte um Macht und Herrschaft, die im Zentrum der Lesbenbewegung dieser Zeit standen und beschreibt die negativen Attribute, die Lesben auch seitens der Schwulen häufig zugeschrieben wurden. 1982 wurde der Lesbenring gegründet, der sich in den 90er Jahren zum einem bundesweiten Netzwerk weiterentwickelte. Die Grundhaltung der Lesbenbewegung dieser Zeit war nicht nur antipatriarchal und feministisch, sondern auch dezidiert links und antikapitalistisch.

Der Sammelband ist, entstanden als Dokumentation einer von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderten Tagung in Kooperation mit der Initiative Queer Nations e. V. und dem Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen e. V. im November 2012 im Waldschlösschen, ein wunderbares schwules Geschichtsbuch über zwei bewegte Jahrzehnte. Und nicht nur das abschließende Kapitel aus lesbischer Perspektive dürfte auch für Lesben ein interessanter Einblick in zwei bewegte Jahrzehnte in Bezug auf homosexuelle Emanzipation sein.

 

Ansgar Drücker

Andreas Pretzel, Volker Weiß (Hg.) (2013): Zwischen Autonomie und Integration. Schwule Politik und Schwulenbewegung in den 1980er und 1990er Jahren. Edition Waldschlösschen. Hamburg, Männerschwarm Verlag

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