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Peggy Wolf: Acker auf den Schuhen

Buchumschlag Acker auf den Schuhen„Warum liest du das?“ bin ich gefragt worden. „Weil es heilsam ist, irgendwie“, war meine Antwort. In der Woche nach einer Beerdigung dieses Buch von Peggy Wolf zu lesen, ist vielleicht wirklich nicht ganz nachvollziehbar. Dass ich es aber ausgerechnet jetzt von phenomenelle zum Rezensieren bekam, kann aber auch kein Zufall sein.
Ich wurde in die Geschichte hineingezogen, musste lesen, lesen, weiterlesen – Seite um Seite, Gefühl um Gefühl.
Es geht um die vom Tod der ältesten Tochter Susann „erschütterte Familie Schütter“ in den Tagen vor und nach der Beisetzung.
Wie sie alles organisieren, wie ein ganzes Dorf (da)beisteht, so erfahren wir die Geschichte Susanns, Stück für Stück.
Ihre Schwestern Anne und Betty kommen mit Kind und Kegel zu Mutter Waltraud, die mit klaren Vorstellungen wie das Leben zu sein hat, nüchtern alles zu ertragen scheint. Auch, dass ihr Mann Hermann, nach einem Schlaganfall auf ihre Hilfe angewiesen, zu allem nickt und schweigt, zeigt ihre Macht. Und doch Machtlosigkeit. Denn ihr Kind ist tot.
Sie sagt, wo es langgeht, ihr muss es gefallen.
Spätestens beim Satz „Seither war Gestrüpp am Platz in Annes Herzen, an dem einst Bettys Tulpen blühten“ wusste ich, weshalb ich es lese. Weil diese Worte Peggy Wolfs dermaßen zu mir zu gehören scheinen, weil ich genau nachfühlen kann, worum es hier geht. Dabei wirkt das Buch nicht übermäßig emotional geschrieben. Es ist einfach aus dem Leben.
Auch wenn „im azurblauen Himmel eine Herde Schäfchenwolken graste“ -, „normal ist das nicht, da kannste sagen was du willst“:
Susann war lesbisch und wurde nicht von den Eltern oder ihrer ersten großen Liebe unterstützt – im Gegenteil. All diese Puzzleteile sind trotz fehlender Chronologie nicht durcheinander geschrieben.
Man kann Peggy Wolf gut folgen, auch wenn sie zwischen heute und damals hin- und herspringt, bis sich alles zusammenfügt. Es ist eine große Erzählung, dieses kleine blaue 187 Seiten starke Buch mit einem Weizenfeld vorne auf dem Cover.
Natürlich denke ich über den Tod nach. Über „natürlichen“ Tod, über Freitod, darüber, wie wertvoll ein Leben ist. Aber diese Geschichte will viel mehr: Sensibel machen für unsere Mitmenschen. Tolerant gegenüber anderen sein und auch über den Tellerrand zu schauen – oft gelingt das doch nicht, auch wenn man vielleicht möchte. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ wird doch allzuoft in der katholischen Kirche vergessen und auch hier im Dorf sind Pfarrer und Gemeindemitglieder was das betrifft wohl überfordert.
Es stellen sich automatisch Fragen: Was hat unsere eigene Familiengeschichte aus uns gemacht und ab wann prägt einen das Leben dann doch mehr?
Es ist dennoch kein „schwieriges“ Buch. Aber man muss sich einlassen. Man darf teilhaben an Leben von Menschen, deren Story eigentlich viel zu schnell zuende erzählt ist – und dennoch steht alles drin.
Mit Mutter Waltraud beginnt alles: „Die Ehefrau ermahnte sich. Es wa Zeit, Hermann etwas Warmes auf den Tisch zu stellen“ Es ist halt jeder letztendlich doch seines Glückes Schmied. Man fügt sich in ein System, ein Dorf, eine Gemeinschaft, ein Leben, ein. Oder eben nicht.
Anne wiederum überlegt ob sie in Susanns Hütte gehen soll und geht, weil sie es sonst vielleicht hinterher bedauert. Wie oft treffen wir solche Entscheidungen, handeln schneller als unser Mut oder unsere Seele mitkommen können.
Ich bin unglaublich dankbar dass ich es jetzt lesen konnte. Denn das Leben geht weiter. Auch im Buch nach der Beerdigung als dann doch noch ein bisschen mehr aus Annes Sicht erzählt wird als am Anfang gedacht. Fragen bleiben offen. Aber dass eine Geschichte, nachdem ich sie gelesen habe, mich noch eine Weile begleitet, macht ein gutes Buch für mich aus.
Danke Peggy Wolf. Danke phenomenelle.

Peggy Wolf: Acker auf den Schuhen 
ISBN 978-3-89656-223-4
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