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Man for a Day

Szenenfoto Frau als Man for a Day

Ein Workshop wird zur Doku des Jahres

Diane Torr ist eine tolle Frau. Danny King ist ein toller Mann. Beide bestehen aus identischen Körperzellen und sind doch keineswegs dieselbe Person. King ist Diane Torrs männliches Alter Ego. Nur eines von vielen übrigens, sie probiert sich gern aus, ob als Drag King oder Gogo-Girl. Das brachte sie vor 23 Jahren auf den schönen Gedanken, einen Workshop ins Leben zu rufen, bei dem auch andere mutige oder müde, verschreckte oder kämpferische Frauen sich auf das Experiment einlassen, vorübergehend zum Mann zu werden. Von Europa bis nach Neu-Delhi bietet sie seither Frauen diese Chance auf den Geschlechtertausch auf Zeit: „Man for a Day“. Was macht einen Mann zum Mann, was eine Frau zur Frau? Wie, wann und wo geschieht die Prägung aufs soziale Geschlecht? Können wir die antrainierte Rolle so einfach ablegen und „Mann sein“ – nicht gespielt, sondern auch im realen Leben?

Filmplakat Man for a DayVon der Schönheitskönigin zum Hip-Hopper

Die Dokumentarfilmerin Katarina Peters, die mit der Performerin und Gender-Aktivistin Torr (inzwischen 63) schon ein halbes Leben lang befreundet ist, hat einen von Torrs Berliner Workshops mit der Kamera begleitet. Und die fünf höchst unterschiedlichen Teilnehmerinnen beantworten die Fragen auf ihre Weise überzeugend und anschaulich. Peters hält sich dabei so vornehm zurück, wie es nur die Besten ihres Metiers beherrschen. Sie überlässt das Feld ganz ihren Stars: der Schönheitskönigin, die zum Hip-Hopper in ausgebeulter Kluft wird, der verlassenen Ehefrau, die zu einem neuen beruflichen Selbstverständnis findet, dem Gewaltopfer, das der Tochter und deren Freundinnen zum neuen Vorbild gerät oder der schüchternen Butch, die sich „irgendwie immer zu weiblich“ fand.

Der Mann besitzt Stuhl und Boden

Fusselbart und Wattepenis sind nur visuelle Verstärkung. Die „Physiophilosophin“ Torr – eine Denkerin des Körpers – bringt den Frauen bei, nicht mehr zu lächeln. Den Kopf nicht bestätigend zu neigen und sich ebenso besitzergreifend breitbeinig auf einem Stuhl niederzulassen wie männliche Sitzer es tun. Auch der Gang eines Mannes will gelernt sein: „Der Mann besitzt das Stück Boden, auf das er tritt“, erklärt Diane Torr, und ein erster Praxistest beweist, wie Recht sie hat: Auf einmal erleben die Nicht-mehr-Frauen, dass sich unterwegs auf belebten Straßen die Menschenmenge für sie teilt. Männern räumt man das Feld, sie müssen es nicht Tag für Tag mühselig erkämpfen.

Neues Selbst-Bewusstsein

Dabei gibt Torr rein positive Anstöße. Mann ist sie selbst viel zu gern, als dass sie ihn verunglimpfen wollte. Dass aber eine gründliche Erfahrung des anderen Geschlechts nur helfen kann, bezweifelt keine mehr, die ihr neues Selbst-Bewusstsein an der Pommesbude oder im Strip-Club ausgelebt hat und es fortan auch zu Hause nicht mehr missen möchte. Beeindruckend.

Ein echtes Must-see: Wer es im Kino schon verpasst hat, darf sich auf die DVD-Version von Edition Salzgeber freuen; sie wird nicht lange auf sich warten lassen.

Man for a Day
Regie: Katarina Peters
DE 2012, 96 Minuten, deutsch/englisch/hebräisch mit deutschen Untertiteln
Darsteller_innen: Diane Torr, Susann Schönborn, Theresa Theune, Eva-Marie Torhorst u. a.

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