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Schwule und Lesben – anders und glücklich

Georg Roth PorträtAls älterer schwuler Mann, als alte Bewegungsschwester, hab‘ ich schon viel gehört und gelesen über das Verhältnis von lesbischen Frauen und schwulen Männern. Was alles so typisch lesbisch oder typisch schwul sein soll. Jede Menge persönliche Erfahrungen, die dann in generalisierende (Vor)Urteile gepackt wurden.  Schwule haben die schöneren Übergardinen und Lesben können eine Waschmaschine reparieren. Lesben sind ernst, Schwule oberflächlich. Lesben treu und Schwule wenig bindungsfähig.

Als Soziologe sage ich mir, dass das ja alles nur singuläre Erfahrungen sind, die jeglicher breiteren Datenbasis entbehren. Und doch wissen wir alle, es gibt Unterschiede. Wäre ein Wunder wenn nicht! Wir sind ja jede und jeder mit unserer eigenen Lebensgeschichte verbunden. Jede und jeder hat eine Biografie und eine Persönlichkeit. Individualität  ist ja nur die andere Seite der Medaille vom „Anderssein“. „Ich bin da, mein Herz schlägt“, heißt das bei Simone de Beauvoir. Aber „Nur am Du wird der Mensch zum ich“. Ein Satz von Martin Buber, den ich aus fernen Studienzeiten erinnere. Wir brauchen den und die andere_n, um unsere Individualität zu spüren und zu entwickeln.

Anders zu sein als die anderen, das ist eine Erfahrung, die schwule Männer und lesbische Frauen in besonderen Maße in ihrer Lebensgeschichte erfahren:. Und sie erfahren sich nicht nur als ANDERS, sondern als UNERWÜNSCHT ANDERS. (Homophobie in NRW, Sonderauswertung der Studie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“)

Dieses Unerwünscht-Sein kann eine Erfahrung sein, die uns miteinander verbinden könnte. All diejenigen von uns, die diese Erfahrung der „fragilen Existenz“ nicht dazu bringt, sich zu verstecken und die sich nicht für ein mehr oder weniger ausgeprägtes Doppelleben entscheiden. Diejenigen von uns, die ihr Anderssein als Herausforderung begreifen. Die das eigene Leben bewusst und selbstbestimmt gestalten wollen. Diejenigen, die das Wissen und Gefühl teilen, dass es um ein Begehren geht, dass wir von Menschen des gleichen Geschlechts „geliebt“ werden und geliebt werden wollen. Offensiv mit diesem Wunsch umzugehen bedeutet, sich Freiräume, Schutzräume, Lebensräume sowie Bürger_innenrechte und Menschenrechte zu erkämpfen.

Fragile Existenz das heißt: nie sicher sein zu können, ob mein Lebensentwurf von anderen respektiert wird. Ob ich nicht doch Gefahr laufe, zurückgewiesen zu werden. Ausgegrenzt zu werden. Und das in jeder neuen Situation, die nicht klar als offen lesbisch oder offen schwul definiert ist. Also eine unendliche Folge von Coming Outs. Fragil aber auch in Bezug auf unsere rechtliche Situation. Wie sicher sind unsere erkämpften Freiräume. Unser entstandenen „Institutionen“: Beratungszentren, Jugendtreffs, XmasAvenues. „Was wollen die denn noch alles“ oder „Das sind doch alles Luxusprobleme“: sind Statements die uns begegnen und durch die uns deutlich wird, dass uns nichts geschenkt wird.

Es ist diese Erfahrung, die mich mit all den lesbischen Frauen verbindet, die die gesellschaftlichen Bedingungen genau so kritisch sehen wie ich. Durch die Kategorie „Homosexualität“ theoretisch in einen Topf geworfen, finden wir praktisch immer dann zusammen, wenn wir gemeinsame Erfahrungen mit gemeinsamen Interessen verbinden. Und das ist gut so. Und das ist sehr befruchtend (sic!)

Meine persönliche, singuläre Erfahrung ist, dass Lesben und Schwule immer dann gut zusammen passen, wenn sie sich aus der gemeinsamen Erfahrung der fragilen Lebensumstände in gemeinsamen Projekten begegnen. Und wenn sie bereit sind, sich wirklich zu begegnen. Also bereit sind, mehr voneinander zu erfahren. Sich aufeinander zu beziehen. Sei es bei Proben für ein Konzert mit dem  schwullesbischen Chor. Sei es bei gemeinsamen Aktionen mit dem Anyway. Sei es bei gemeinsamen „Auftritten“ mit meinen Kolleginnen vom Rubicon.

Klar ticken lesbische Frauen anders als schwule Männer. Wohl auch weil sie – mehr oder weniger – Frauen und Männer sind und hierdurch andere Lebenserfahrungen machen… Aber auf alle Fälle: Anders. (Das verbindet uns Bewegungs-Lesben und -Schwule übrigens mit den „hetera_o-sexuellen“ Menschen, die ebenfalls alternative Lebensentwürfe leben.) Und mit all diesen „anderen“, die selbstbewusst und selbstbestimmt leben möchten, macht es doch Spaß, die Welt glücklicher zu machen. Alle Menschen sind anders und nicht gleich. Gleich sein müssen unsere Lebensbedingungen und unsere Rechte. Lasst uns die werden, die wir sind. Glückliche Andere!

Georg Roth
Der Diplom-Soziologe ist besonders im Westen Deutschlands auch als Bühnenfigur Sister George für seinen Humor bekannt. Er ist Gründungsmitglied der Aidshilfe Köln, war zeitweise deren Geschäftsführer und viele Jahre Ensemblemitglied des Bonner Springmaus Improvisationstheaters. Seit einem Jahr ist er Immer dabei! als Landeskoordinator der schwulen Seniorenarbeit in NRW.

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